Grundmotiv

 

(= G.) [engl. basic motive], [EM], Handlungen werden unternommen, um Ziele zu erreichen bzw. um Wünsche zu erfüllen. Die unmittelbaren Handlungsziele werden jedoch i. d. R. nicht um ihrer selbst willen angestrebt, sondern deshalb, weil man glaubt, dass sie andere, gewünschte Zustände herbeiführen oder zumindest die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens erhöhen. Die Ziele, die man mit Handlungen unmittelbar anstrebt, sind also typischerweise nur Mittel zum Zweck; oder anders formuliert: Die Wünsche bzw. Motive, die Handlungen unmittelbar zugrunde liegen, sind typischerweise aus anderen, grundlegenderen Wünschen bzw. Motiven (mithilfe von Mittel-Ziel-Überzeugungen) abgeleitet. Z. B. ist der Wunsch nach Geld abgeleitet; denn Geld besitzen (Ziel Z) will man, weil man glaubt, dass man sich damit versch. andere Wünsche erfüllen kann wie z. B. den Wunsch, einen Wagen zu besitzen. Auch diese mittelbaren Wünsche sind meist wieder aus anderen Wünschen abgeleitet: Z. B. will man den Wagen besitzen, um bequemer zur Arbeit fahren oder Einkäufe leichter erledigen zu können. Um einen unendlichen Regress bei der Ableitung von Motiven zu vermeiden, scheint es jedoch unvermeidbar, anzunehmen, dass es grundlegende Wünsche oder G. gibt, also Motive (Wünsche), die nicht aus anderen Motiven bzw. Wünschen abgeleitet sind. G. sind somit die letztendlichen psychischen Quellen der Motivation.

Allerdings ist bis heute nicht geklärt, welche und wie viele G. es gibt. Monistische Theorien der G. behaupten, dass es nur ein einziges G. gibt. Der plausibelste Kandidat dafür ist das Hedonismus-Motiv (Hedonismus, psychologischer), der Wunsch nach dem Erreichen von Lust (angenehmen Gefühlen, Emotionen, Gefühl) und dem Vermeiden von Unlust (unangenehmen Gefühlen). Pluralistische Theorien der G. postulieren dagegen zahlreiche G. Eine neuere pluralistische Motivtheorie, die 16 G. postuliert, wurde von Reiss (2000) vorgeschlagen und faktorenanalytisch validiert (Faktorenanalyse, Validierung). Die 16 G. umfassen u. a. den Wunsch nach Nahrung, Sex, körperlicher Bewegung, Familienleben (Familie), Freiheit von Angst und Schmerz (ein Aspekt des hedonistischen Motivs); den Wunsch nach Erkenntnis, Autonomie, Ordnung, Geselligkeit, und sozialer Zugehörigkeit (Hoffnung auf Anschluss); und den Wunsch nach Dominanz, Prestige und Loyalität gegenüber der eigenen Bezugsgruppe. Die Inhalte von G. – die Sachverhalte, die die G. erfüllen – kann man als Grundwerte betrachten (Reiss, 2000). Deshalb sind Theorien der Grundwerte (z. B. Schwartz, 1992) und Theorien der G. eng miteinander verwandt.

Abgeleitete Motive sind erlernt: Sie werden erworben, indem man Mittel-Ziel-Überzeugungen erwirbt, die sie mit den G. oder mit anderen, schon vorhandenen abgeleiteten Motiven verknüpfen. Die entspr. Lernerfahrungen (Lernen) umfassen persönliche Erfahrungen mit Handlungen und ihren Folgen (Konditionierung, klassische, Konditionierung, operante); mind. ebenso wichtig ist jedoch das soziale Lernen: das Lernen durch die Beobachtung anderer Personen (Beobachtungslernen) und durch verbale Kommunikation. G. können dagegen per Def. nicht erlernt werden. Deshalb wird gewöhnlich angenommen, dass die G. zur angeborenen Grundausstattung der Psyche gehören. D. h., die G. bzw. die ihnen zugrunde liegenden psych. Mechanismen sind im Laufe der biol. Evolution (durch den Prozess der natürlichen Selektion) entstanden.

Referenzen und vertiefende Literatur

Sie sind schon registriert? Zur Anmeldung
Erstellen Sie einen Account um das komplette Literaturverzeichnis einzusehen.