Gruppe

 

(= G.) [engl. group], [SOZ], Anordnung von Dingen und Menschen, zugleich Ausdruck einer inneren Beziehung. In den Sozialwissenschaften sind G. ein Spezialfall der «menschlichen Plurale». Es genügt nicht das bloße Beisammensein von Personen als Menge bzw. als «soziales Aggregat» (Parsons) oder die Gleichartigkeit von definierenden Merkmalen (Klassen), auch nicht, wenn im letzteren Fall das Def.merkmal «gemeinsames Ziel» (Ziele) handlungsrelevant geworden ist (Verband). Um zwei oder mehr Personen die Bez. G. zukommen zu lassen, müssen entweder zw. ihnen – wenigstens ansatzweise – Interaktionen (soziale Interaktion) vorhanden sein oder sich eine Strukturierung, d. h. Ansätze zu einer Rollenverteilung (Rolle), eingeleitet haben. Indem die Aktion zw. den G.mitgliedern zum Kriterium gemacht wird, kann sogar die gleichzeitige (vis-à-vis) Anwesenheit der Mitglieder vernachlässigt werden. Als Arbeitsdefinition für G. ist vorgeschlagen worden (Proshansky & Seidenberg, 1965): «Zwei oder mehr Individuen, die kollektiv wie folgt charakterisiert werden können: Sie haben gemeinsame Normen (Normen, soziale, Gruppennorm), Überzeugungen und Werte und sie unterhalten implizit oder explizit definierte Beziehungen zueinander, sodass das Verhalten eines jeden Folgen für den anderen hat. Diese Merkmale (Eigenschaften) entstehen aus der Interaktion der Individuen und haben für sie Konsequenzen, wobei die Individuen hinsichtlich irgendeines spezif. G.ziels ähnlich motiviert sind». In diese Def. ist die Organisation oder Struktur nicht aufgenommen, obwohl diese meist auch in funktionalen G. (in Interaktion) entsteht.

Soziologische Unterscheidungen von G. sind Primär- und Sekundär-G. (Cooley), d. h. natürliche G. wie die Familie gegenüber willkürlichen Zusammenschlüssen; Klein- vs. Groß-G.; formelle vs. informelle G. (mit fließendem Gebrauch der Begriffe), für G. innerhalb einer planmäßigen Organisation oder für künstlich zusammengestellte G. gegenüber spontan sich bildenden G. sehr versch. Art (Irle, 1963).

Eine eher sozialpsychol. Unterscheidung bezieht sich auf die Funktion der G. für das Individuum: Mitgliedschafts- vs. Bezugs-G. (Reference-G., Hyman, 1942), die entweder eine normative oder eine Vergleichsfunktion hat, d. h., die Bezugs-G. setzt für das Verhalten und das Meinen des Individuums Normen oder das Individuum, das selbst unsicher ist, vergleicht sein Verhalten mit der Bezugs-G. Letztere kann eine Mitgliedschafts-G., der das Individuum tatsächlich selbst angehört, sein oder eine Nichtmitgliedschafts-G., der es aber gerne angehören möchte. Eine ebenfalls psychol. Beziehung wird gemeint, wenn Eigen- und Fremd-G. (ingroup-outgroup, Summer 1907) unterschieden werden. Als Dimensionen der G. gelten neben der Größe die Stabilität, Intimität, Kohärenz, Attraktivität und viele andere. Die G.struktur kann nach dem Vorbild von Moreno grafisch dargestellt werden (Soziogramm). Als Beobachtungsverfahren zur Analyse von G.strukturen werden in vielen Fällen sog. Interaktionsprozessverfahren verwendet, die im Kern auf Bales (19501950b) zurückgehen. Eines der aufwendigsten und sowohl theoretisch wie meth. ausgefeiltesten Verfahren ist das System for Multiple Level Observation of Groups (SYMLOG).

Theorien der G. (Mullen & Goethals, 1987, Frey & Irle, 1985) gibt es vor allen Dingen zu Themen wie Führung, Macht, Konflikt (Konflikt, sozialer) und Entscheidung (Entscheiden), aber auch zum Minderheiteneinfluss (Minorität) und zur Relation zw. G. In den neueren Publikationen zur Sozialps. der G. werden zunehmend Fragestellungen der sog. Intergruppenbeziehungen aufgegriffen. Intergruppenbeziehungen lassen sich als Schnittstelle von Themen aus den Bereichen der Vorurteils-, Stereotypen- und Minderheitenforschung auf der einen Seite und der Sozialps. der G. kennzeichnen. Themen, die in der aktuellen Forschung dominieren und z. T. auf eine lange Tradition zurückblicken können, sind Leistungsverhalten in G., einschließlich der Gründe und Ursachen für Leistungsvorteile und Leistungsverluste soziale Dilemmata, G.polarisierung (die Polarisierung von Einstellungen und Entscheidungen durch G.prozesse, Gruppenentscheidung). Themen, die eher einer Angewandten Sozialps. der G. zuzurechnen sind, wie die Analyse sozialer Netzwerke (Soziale Netzwerke im Internet), Stress in G., G. in versch. Lebensbereichen wie Arbeit, Sport, Freizeit, im Bereich der Erziehung, der Justiz und in therap. Kontexten sowie für die Probleme nationaler und internat. Konflikte sind zwar zum einen Standardthemen der Soziologie der G., variieren aber im Aufmerksamkeitsbereich der Forschung ganz beträchtlich. Arbeitsgruppe

Verwendete Literatur

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