Gruppendynamik

 

(= G.) [engl. group dynamics], [SOZ], ist sowohl ein Forschungs- als auch ein Anwendungsgebiet der Sozialpsychologie (= S.). Ihr Beginn ist eng mit der sozialen Situation in den USA in der Mitte der 1940er-Jahre und den damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen (z. B. Arbeitslosigkeit, verstärkte Einwanderung, Veränderungen in beruflichen Anforderungen) verknüpft. 1946 gründete Kurt Lewin das Forschungszentrum für G. am Massachusetts Institute for Technology (Lewin 1978). Neben ihm ist der österreichische Psychiater Jacov Moreno zu nennen, der den Begriff group dynamics schon vor Lewin benutzte (Moreno & Jennings, 1938). In der aktuellen sozialpsychol. Literatur findet sich der Begriff in mind. drei unterschiedlichen Bedeutungen: (1) als Bez. für die in jeder Gruppe ablaufenden Prozesse; (2) als Bez. des Teilbereichs der S., dessen Anliegen die wiss. Erforschung solcher Prozesse und ihrer Entwicklungsgesetze, der Interdependenzen zw. Gruppenmitgliedern, der Beziehung zw. Gruppe und einzelnem Mitglied, der Beziehungen zu anderen Gruppen usw. ist. Die geläufige Bez. Kleingruppenforschung resultiert aus einer Einengung auf den Gegenstandsbereich «kleine Gruppen». (3) Als Bez. für Verfahren, mit deren Hilfe Gruppenprozesse verdeutlicht und beeinflusst werden sollen. Zu (1): In dieser Bedeutung bezeichnet G. die Kräfte, durch die sog. Lokomotionen (d. h. alle Arten psychol. beschreibbarer Veränderungen) hervorgerufen werden. Diese können darin bestehen, dass Individuen «einander näher durch Kommunikation kommen, durch Angleichung von Haltungen und Meinungen, oder dass Gruppen sich ihren Zielen nähern, soziale Hindernisse beseitigt werden oder dergleichen» (Lewin, 1936, 49). Phänomene wie Gruppenbildung, Führung, Macht, Beeinflussung, Beeinflussbarkeit usw. fallen unter diese Begriffsbedeutung. Zu (2): Zu Beginn der sozialpsychol. Erforschung von Gruppensituationen wurde die Konstellation Gruppe auf die bloße Anwesenheit anderer reduziert, und man ist davon ausgegangen, dass sich die Mitglieder genauso verhalten würden, als seien sie alleine (Allport, 1924). Erst in der Folge der arbeitswiss. orientierten Hawthorne-Untersuchung (Roethlisberger & Dickson, 1939) setzte sich die Erkenntnis durch, dass die zw.menschlichen Beziehungen in einer Gruppe von weitreichender Bedeutung sind und für das Verstehen von Vorgängen in ihr nicht nur die Eigenarten, Fähigkeiten, Ziele usw. der Gruppenmitglieder wichtig sind, sondern auch das spezif. System der Normen (Normen, soziale), Rollen und Kommunikationsstrukturen dieser Gruppe. Zu (3): Die umgangssprachlich gebräuchlichste Bedeutung bezieht sich auf Techniken zur Verdeutlichung und Beeinflussung des Geschehens in Gruppen, wie z. B. Prozessanalyse, Rollenspiele, Kommunikationstechniken. Solche Methoden werden in mehr oder weniger ausgefeilter Form in den versch. Trainingsverfahren der angewandten G. eingesetzt. Diese spielen nach wie vor eine bedeutende Rolle in der beruflichen und sozialen Weiterbildung – sowohl im Profit- als auch in Non-Profit-Bereich; die Vorstellungen darüber, was in entspr. Veranstaltungen angestrebt wird und geschieht, sind allerdings häufig eher durch Gerüchte und Fantasien, denn durch fundierte Kenntnisse geprägt. G. wird häufig mit der Vorstellung intensiver zw.persönlicher Beziehungen in Verbindung gebracht (Bindung). Tatsächlich jedoch sind diese in Trainingsveranstaltungen nur sehr eingeschränkt persönlich und besitzen – mit Ausnahme der Arbeit mit Realgruppen (i. d. R. aus der Arbeitswelt) – Stellvertretercharakter und sind gegenüber den persönlichen Beziehungen des Alltags scharf abgegrenzt (Rechtien, 2009).

Referenzen und vertiefende Literatur

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