Gruppenrollen, Quasi-Rollen

 

[engl. group/quasi-roles; lat. quasi (gleich) wie], [SOZ], Rollen sind Verhaltenserwartungen an die Mitglieder eines sozialen Kontextes, etwa der Gesellschaft, einer Organisation oder eben einer Gruppe (= G.). Ebenso wie Gruppennormen sind sie Bestandteil der Gruppenstruktur, anders als diese richten sie sich jedoch nicht an alle G.mitglieder, sondern an Inhaber einer best. Position, die sie von anderen G.mitgliedern unterscheidet (z. B. Teamleiter, Schriftführer, Mutter, Schüler). I. d. R. haben Personen gleichzeitig versch. Rollen inne und stehen damit unterschiedlichen Erwartungen gegenüber, die nicht selten zu Rollenkonflikten führen (Interrollenkonflikte). Außerdem gehört zu jeder Rolle (mind.) ein Gegenstück: Einen Vorgesetzten gibt es nicht ohne Untergebenen, einen Trainer nicht ohne Trainees usw. Die Beachtung dieses Aufeinanderbezogenseins von Rolle und Komplementärrolle ist wichtig für das Verständnis von Prozessen in G. und Organisationen. I. d. R. gibt es zu jeder Rolle mehrere Komplementärrollen mit unterschiedlichen, ggf. auch gegensätzlichen Verhaltenserwartungen, die zu Intrarollenkonflikten führen können: Zum Lehrer gehören z. B. Schüler, Eltern, Schulleiter. Rollenverhalten wird nicht nur durch die gegenseitigen Erwartungen bestimmt, sondern auch durch die Vorstellung des Rolleninhabers darüber, wie seine Rolle auszufüllen ist, wie unterschiedliche Erwartungen zu gewichten sind usw. (Rollenselbstbild). Neben diesen formellen Rollenerwartungen gibt es auch Erwartungen, die nicht an Positionen gebunden sind, sondern sich aus häufig gezeigtem Verhalten entwickeln und quasi Rollencharakter gewinnen (z. B. die Quasirolle von Gruppenclown oder «grauer Eminenz»). Auch Quasirollen haben jew. ein Gegenstück: Einen Vielredner gibt es nicht ohne diejenigen, die den Redefluss über sich ergehen lassen. Unstimmigkeiten zw. offizieller und inoffizieller Rollenstruktur sind häufig Ursache von ernsthaften Krisen, z. B. wenn Führungsverhalten an eine offizielle Rolle gebunden ist, zugleich aber von einer «grauen Eminenz» als Träger einer Quasi-Führungsrolle gezeigt und erwartet wird. Das Rollenkonzept bietet ein Bsp. dafür, dass es sinnvoll sein kann, Konzepte aus versch. psychol. (Teil-)Disziplinen wie Sozialps. und Klin. Psychologie miteinander zu verbinden: Persönliche Krisen, die durch den Verlust wichtiger Bezugspersonen entstehen, können als Verlust der Komplementärrolle mit Fortfall von verhaltenssteuernden Erwartungen und Orientierungsverlust verstanden werden. Konflikt, sozialer, Rollentheorie, rollentheoretische Persönlichkeitsauffassung.

Verwendete Literatur

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