Hermeneutik

 

(= H.) [engl. hermeneutics; gr. ἑρμηνεύειν (hermeneuein) erklären, auslegen], [FSE, PHI], Aristoteles hatte in seiner Schrift (Peri hermeneias, lat. De interpretatione) dargelegt, dass die Schriftzeichen (Zeichen) und die Sprache der Übertragung des Inneren (des Seelischen bzw. der Gedanken) in äußere Zeichen dienen, wobei die seelischen Vorgänge, die sie eigentlich bedeuten sollen, bei allen die gleichen sind. Die Begriffe H., Interpretation, Deutung sowie Auslegung (ars interpretandi) werden vielfach ähnlich oder syn. gebraucht. Wenn der Götterbote Hermes die Botschaft der Götter mitteilt oder wenn die göttliche Offenbarung der biblischen Schriften theologisch ausgelegt wird (Exegese), war damit ein Wahrheitsanspruch verbunden. In der neueren Tradition, in den Geschichts- und Sprachwissenschaften, geht es nicht mehr um die dogmatisch richtige Auslegung, sondern um die ursprüngliche Absicht des Autors, um den eigentlichen Sinn, um die tiefere phil. Wahrheit eines Textes. Die oft als universelle Methodik der Geisteswiss. bez. H. führt zum Verstehen, d. h. zur Aufdeckung und Erhellung eines Sinnzusammenhanges geistiger Prozesse. Deren Dimensionalität und Beziehungsmuster sind unerschöpflich: als geistige Tradition (Historizität), in der Zielsetzung (Finalität) und als Daseinsdeutung in Lebens- und Wertbezug (Existenzialität). Die H. ist grundsätzlich auf alle Produkte, also auf alle «Objektivationen» des menschlichen Geistes anzuwenden: historische Urkunden, schriftliche Überlieferungen, Märchen, Literatur, Erzählungen, Gesprächsprotokolle, Biografien, Werke der darstellenden Kunst und kult. Zeugnisse verschiedenster Art.

Der Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher (1838), der Philologe August Boeckh (1877) sowie der Philosoph Wilhelm Dilthey gelten als wichtige Begründer der «Universalh.», d. h. der allg. Interpretationslehre der Geisteswiss. In seiner Kunstlehre des Verstehens betonte Schleiermacher den Unterschied zu einer einfachen Auslegungspraxis: Der Sinn (die Wahrheit) der Texte wird durch eine Herstellung der Gleichheit mit dem Autor, durch kongeniales Verstehen, erreicht. Sein Anspruch, einen Schriftsteller besser zu verstehen, als er sich selber verstanden habe, ist häufig kommentiert worden (Gadamer, 1990). Dilthey verwies auf den erworbenen Zusammenhang des Seelenlebens: das Prinzip des hermeneutischen Textverstehens gilt allg. für den Lebenszusammenhang und für Geschichtliches. Wesentliche Erkenntnisbedingungen sind: die Sympathie für den Text (den Autor), das Verstehen von Ausdruck und das Hineinversetzen in den Autor. «Das Verstehen ist ein Wiederfinden des Ich im Du» (Dilthey, 1910). Vor allem auf Dilthey beriefen sich später die Anhänger der verstehenden Ps. in Abgrenzung von anderen Richtungen der Ps. (Idiografik (idiografisch) und Nomothetik (nomothetisch)). Gadamer (1960, 1990) schilderte in seinem vielzitierten Buch Wahrheit und Methode die Entwicklung der H. als Methode der Geisteswissenschaften und interpretierte die Auffassungen von Schleiermacher, Dilthey, Husserl und Heidegger. Er stellte dabei infrage, ob es eine solche Kunstlehre des Verstehens, einen Kanon oder ein Organon der Auslegung in den Geisteswissenschaften geben könnte. Daneben existieren viele ältere und neuere «Stationen der H.geschichte», viele Sichtweisen und Kontroversen. Demgegenüber vermag Popper keine Sonderstellung der H., keinen Erkenntniszugang mit einer besonderen Art «hermeneutischer Wahrheit» (Evidenz) zu erkennen. Im generellen Schema des Problemlösens habe die H. ihren Platz in der teilweise noch spekulativen Entwicklung vorläufiger Theorien durch gedankliche Hypothesen und krit. Prüfung. – In paradoxer Weise stehen gerade die Namen «H.» und «Verstehen» für vieldeutige Wortfelder und Missverständnisse. Die geisteswiss. H. hat sich nur zögernd für die Methodik der Psychoanalyse (Symptomdeutung, Traumdeutung) und kaum für meth. Kriterien und Kontrollen aus psychol. Sicht geöffnet.

Die philologische und historische H. folgt bestimmten Grundsätzen der Materialprüfung, beachtet den Kontext, verbindet Teil und Ganzes in einer Hin- und Herbewegung der Interpretation und kehrt im hermeneutischen Zirkel), d. h. im spiralförmig fortschreitenden Prozess des Verstehens, zur früher entwickelten Auffassung zurück, um diese tiefer gehend auszugestalten, wobei letztlich eine «hermeneutische Differenz», d. h. ein Abstand zw. Text und Interpret bleiben wird. Diese und andere Prinzipien führen zu hermeneutischen Regeln (Danner, 1998), die auch für die allg. Interpretationslehre in der Ps. grundlegend sind.

Referenzen und vertiefende Literatur

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