hermeneutischer Zirkel

 

(= h. Z.) [engl. hermeneutic circle; gr. ἑρμηνεύειν (hermeneuein) erklären, auslegen], [FSE], wenn ein Mensch einer Sache (subj. plausiblen) Sinn verleihen möchte, muss er diese – so paradox es klingen mag – zuvor schon im Prinzip für sich ein Stück weit verstanden haben. Sinnverleihung ist nur möglich, indem das zu Verstehende vor dem Hintergrund des eigenen subj. Relevanzsystems verstanden wird, womit das Problem des Fremdverstehens beschrieben ist: Wenn jemand etwas verstehen möchte, also etwas Sinn verleihen möchte, kann er dies nur auf der Basis seiner bisherigen Verstehensleistungen vollziehen, die ein subj. Sinn- bzw. Relevanzsystem ausgebildet haben. Und diesen Aspekt des notwendigen Vor-Verständnisses beschreibt der h. Z. Es ist bereits ein Vor-Verständnis von dem notwendig, was erst verstanden werden soll, um es überhaupt verstehen zu können. Dieser h. Z. ist grundlegend für jeden (Fremd-)Verstehensprozess. Die Notwendigkeit von Vor-Wissen, um überhaupt erst zu neuem Wissen zu gelangen, birgt aber auch eine Gefahr für das hermeneutische Verstehen (Hermeneutik): Denn das Vor-Wissen kann dazu führen, dass das neu zu Verstehende zu selektiv aus dem Vor-Wissen heraus verstanden wird. Es erfolgt dann kein Bemühen um eine Sinnrekonstruktion, sondern es kommt lediglich zu einer vorschnellen, tautologischen Sinnkonstruktion auf der Basis des Vor-Wissens (Sozialkonstruktivismus). Es wird dann nicht versucht, den Sinn des neu zu Verstehenden zu rekonstruieren, sondern Sinn wird in das zu Verstehende hineingelegt (Prinzip der Offenheit). Dieses Problem des h. Z. erfordert somit eine reflexive Kontrolle des Fremdverstehens (Prinzip der Reflexivität). Ziel muss es dabei sein, den h. Z. über die Iteration von Erkenntnisprozessen in eine h. Spirale zu überführen (Prinzip der Prozessualität), um tatsächlich neue Erkenntnisse zu generieren, um das eigene Relevanzsystem zu erweitern.

Referenzen und vertiefende Literatur

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