Hypnose

 

(= H.) [engl. hypnosis; gr. ὕπνος (hypnos) Schlaf], [KLI], der hieraus abgeleitete Begriff H. stammt wahrscheinlich von James Braid 1843, ein bereits von Mesmer Ende des 18. Jhd. angewandtes Verfahren zur Beeinflussung des Verhaltens und versch. Erkrankungen, bes. zur Erzeugung von Anästhesie durch «Magnetismus», «Trance» und andere postulierte psych. «Kräfte» des Hypnotiseurs (= Hr.). Erst seit den 1950er-Jahren unseres Jhd. von Exp.psychologen, v. a. Hilgard & Barber systematisch erforscht. H. wird über Instruktionen des Hr. induziert: Mit monotoner Stimme wiederholt dieser z. B. Augenschwere und Verschwimmen, während die Vp einen Punkt angestrengt fixiert. Da die vorhergesagte Reaktion («Schwere») tatsächlich eintreten muss, kommt es zu klassischer Konditionierung an die Instruktion des Hr. («Glaube» und pos. «Erwartung», dass vorhergesagte Reize und Reaktionen eintreten werden). Danach folgt meist Instruktion von Müdigkeit und Schwere bei erhaltener Konzentration auf den Hr. Bei tiefer H. sind posthypnotische Aufträge für künftiges Verhalten außerhalb der H. mögl. Etwa 50–60 % aller Menschen sind hypnotisierbar, der Rest benötigt unterschiedlich lange Trainingszeiten. Neurotizismus, ideomotorische Tendenz und pos. Beziehungen zum Hr. begünstigen die Tiefe der H., die über die Stanford Susceptibility Scale standardisiert gemessen werden kann.

Die Tiefe der H. wurde von H. Bernheim 1884 in neun, von A. A. Liebeault 1891 in sechs und von A. Forel in die lange Zeit gebräuchlichen drei Stufen eingeteilt: Somnolenz (nur Schläfrigkeit) – Hypotaxie (mit Katalepsie, Analgesie, Halluzination) – Somnambulismus (mit denselben Phänomenen, doch nach dem Erwecken Amnesie). Braid trennte nur in aktive H. mit normalem oder suggestiv erhöhtem Muskeltonus und passive H. mit schlaffem Tonus. Stokvis schlägt wegen der Schwierigkeit detaillierter Graduierung die Einteilung nach oberflächlicher und tiefer H. vor (Ruhezustand, Schlafzustand). Die Hypnotisierbarkeit ist eine normale Eigenschaft des gesunden Menschen, doch in unterschiedlicher Intensität. Mit Tests (u. a. Pendelversuch) und «Rückfallversuch» (Suggestion des Rückwärtsfallens führt zu Schwanken) kann sie geprüft werden. Es können posthypnotische Aufträge ohne oder mit Zeitsetzung (Termineingebung) bis zu einem Jahr erteilt werden. Der Auftrag ist dem Pb in der Zw.zeit unbewusst und die Handlung wird ad hoc «begründet». Das Ich-Ideal setzt der Ausführung des posthypnotischen Auftrags Grenzen, d. h., Verbrechen werden z. B. nicht begangen, wenn die Pb nicht auch ohne H. dazu hätte gebracht werden können. Die Strafprozessordnung verbietet, Verbrechen durch H. der Tatverdächtigen aufzuklären. Ärzte wie J. H. Schultz, Stokvis und Langen, die H.therapie anwenden, betonen, dass die H. nur die Autosuggestion des Hypnotisierten wecken könne.

Nach Barber (1974) besteht die H. aus vier Phänomenen: (1) der erhöhten Reaktionsbereitschaft auf «Suggestionen» (Forderungen) wie Hitzegefühl, Armleichtigkeit, Analgesie, Halluzinationen, Amnesien, Regressionen; (2) einem tranceartigen Erleben und Gefühl; (3) Änderungen des Körpergefühls; (4) der subj. Aussage, hypnotisiert worden zu sein. Die genannten Effekte sind auf die Wirkungen von neun Eingangs- und Induktionsvariablen aus zwei Gruppen von intervenierenden Größen zurückzuführen, die noch nicht näher untersucht worden sind: (1) pos. Einstellung, Motivation mit Erwartungen; (2) «Mitdenken» und lebendige Vorstellung der suggerierten Effekte. Neun Variablen bewirken die erhöhte Reaktionsbereitschaft auf Test-Suggestionen: (1) Def. der Situation als H.; (2) Abbau von Angst und Fehlvorstellungen über H.; (3) Sicherung der Kooperationsbereitschaft; (4) Schließen der Augen; (5) Suggerieren von Entspannung, Schlaf und H.; (6) Maximieren der sprachlichen und stimmlichen Charakteristiken der Suggestion (z. B. permissiv wirksamer als autoritär); (7) Paaren der Suggestion mit real auftretenden Ereignissen (z. B. «Verschwimmen des Fingers» u. Ä.); (8) Anregung zielgerichteter Vorstellungen (z. B. Vorstellung einer realen Situation, in der es heiß, schwer oder ruhig ist); (9) Vermeiden oder Neuinterpretation von mangelndem Suggestionserfolg.

Ein spezif. Trancezustand ist für die H. weder notwendig, noch physiol. nachweisbar; das EEG ist z. B. leicht verlangsamt, wie bei anderen entspannten Zuständen auch. Die Effekte, die mit H. erzielbar sind, können wahrscheinlich auch ohne H. bei Vorhandensein der oben angeführten intervenierenden Größen (Erwartung und Mitdenken) erzielt werden (Placebo). Therap. wird hypnotische Trance i. R. med. Therapien (Schmerzkontrolle) eingesetzt und kommt zudem – als H. deklariert oder nicht – eingebettet in versch. Therapieformen zur Anwendung, z. B. als Imaginationsübung. In der Hypnotherapie steht sie im Vordergrund. Empirische Ergebnisse legen nahe, H. nicht als mit seriöser Ps. unvereinbar anzusehen. Es ist davon auszugehen, dass H. für best. Indikationen (Hypnotherapie) ein brauchbarer Zugang zur Veränderung von Leidenszuständen ist, der zudem in der einen oder anderen Form in vielen Kulturen genutzt wird (Revenstorf, 1996). Nach der psychoanalytischen Theorie (Psychoanalyse) der H. ist die Einstellung des Hypnotisierten vergleichbar mit der eines Kindes, das sich vertrauensvoll von den Eltern führen lässt. Dies gebe dem Hr. die Möglichkeit, die Rolle des «autoritären Vaters» oder der «begütigenden Mutter» zu übernehmen. Hirnanatomisch-physiol. Annahmen (Völgyesi, 1950) sprechen von einem bedingten Reiz (i. S. von Pawlow), der den Intellekt vermeidet und unmittelbar die Vorstellungen, Gefühle, Affekte, Instinkte und das Vegetativum beeinflusst; die H. als eine «reversible Dezerebration» (Ausschaltung des Großhirns).

Verwendete Literatur

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