Ich

 

[engl./lat. ego], [PER, PHI], etymologisch ist Ich ein germanisches Pronomen, das auf die Einheit der Person und des Selbst abhebt. Ich ist Indikator für den Urheber einer Handlung. Nach phil. Interpretation ist Ich (1) das Subjekt aller Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gedanken, Gefühle, Handlungen (= Subjekttheorie, Augustinus, Kant), (2) eine immaterielle Substanz (= Substanztheorie, Berkeley, Descartes, J. S. Mill), (3) eine Summe oder eine Verknüpfung von Wahrnehmungen und Vorstellungen (= Komplexionstheorie, Hume, Husserl).

W. James stellte Ich (ego) und Mich (me) sowie die neuere Gliederung des Ich über die Antriebsseite in propulsives Ich (Drang, Sehnsucht u. Ä.), impulsives Ich (Regulationen, Triebe u. Ä.) und prospektives Ich (vorausschauende Initiative u. Ä.) von Thomae. Identität und Selbst, Individuation, Person, Selbst.

[KLI], Psychoanalyse; in der sog. Strukturlehre, die Freud 1923 in «Das Ich und das Es» (Freud, 1923a) entwickelte, gilt das Ich als eine von drei Instanzen des psychischen Apparats. Das Ich ist v. a. eine Vermittlungsinstanz. Sie muss nicht nur zw. der Instanz des Es, die die Triebe beinhaltet, und der Instanz des Über-Ichs, die die verinnerlichten Normen und Verbote umfasst, vermitteln, sondern auch die Forderungen der Realität beachten und integrieren. Das Ich, das sich der Freud’schen Konzeption nach unter dem Einfluss der Außenwelt aus dem Es entwickelt, wird zum wichtigsten Anpassungsorgan des psych. Apparats. Der Selbsterhaltung dienend, kontrolliert das Ich mehr oder weniger erfolgreich, z. T. bewusst, z. T. unbewusst die Funktionen der Wahrnehmung, des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Motorik, der Affektsteuerung, der Realitätsprüfung, der Abwehr (Abwehrmechanismen des Ich) usw. Es vertritt die Interessen der Gesamtpersönlichkeit und ist mit libidinöser Energie besetzt (Libido). Trotz dieser fundamentalen Bedeutung des Ichs hielt Freud zeitlebens an der Grundüberzeugung fest, dass es eher ein «armes Ding» als «Herr im eigenen Haus» ist (Freud, 1917). In seiner Vermittlerrolle und seiner nicht hintergehbaren Abhängigkeit zu den anderen Instanzen des psych. Apparats bleibt das Ich ständigen Konflikten, strukturellen Widersprüchen und überlegenen inneren und äußeren Gegenkräften ausgesetzt.

Die wiss. Erforschung des Ichs und seiner Funktionen wurde ab 1936 unter dem Sammelbegriff Ich-Psychologie zu einem wichtigen Teilgebiet der Psychoanalyse nach Freud (Freud, A., 1936). Neben Freud wurde die Ich-Analyse v. a. von folg. Autoren weitergeführt: Anna Freud vervollständigte die Lehre von den Abwehrmechanismen, Ferenczi beschrieb die Stadien der Ich-Entwicklung, Federn analysierte die versch. Ich-Stadien und entwickelte den Begriff der Ich-Grenzen. Hartmann beschrieb die primär und sekundär autonomen Ich-Funktionen. Szondi unterschied zw. den elementaren Ich-Funktionen (Projektion, Inflation, Introjektion, Negation) und den dialektischen Ich-Funktionen (Egosystole und Egodiastole).

[WA], die Gestaltpsychologie gibt mit ihren Gestaltgesetzen eine Erklärung über die Entstehung des «anschaulichen Ich» und der «anschaulichen Ich-Begrenzung», indem die Prinzipien der Figur-Grund-Relation (Figur-Grund-Verhältnis) auf den Körper in seiner Beziehung zur Umwelt angewandt werden.

Referenzen und vertiefende Literatur

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