Indigene Psychologie

 

(= I.) [engl. indigenous psychology; lat. indigenus eingeboren/-heimisch], [PER, SOZ], hat sich als Teildisziplin neben der Kulturvergleichenden Psychologie und der Kulturpsychologie etabliert. In der I. werden psychol. Konzepte, Prinzipien und Theorien in ihrem soz., kult. und ökologischen Kontext untersucht und mit Methoden und Begrifflichkeiten erfasst, die aus dem jew. kult. Kontext stammen und für diesen relevant sind. Damit lässt sie die I. abgrenzen von einer allg. Ps., die davon ausgeht, dass es a priori universelle, kontextunabhängige Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Erlebens und Verhaltens gibt, die dann an Personengruppen in unterschiedlichen kult. Kontexten getestet werden können. Sie teilt mit der Kulturps. das Verständnis von Kultur als einer komplexen, historisch gewachsenen transformativen Beziehung zw. Person und Umwelt und der Vorstellung vom Menschen als aktiv handelndem Subjekt, das in der Interaktion mit anderen seiner Umwelt Bedeutung gibt und Sinn verleiht. Weiterhin teilt sie mit der Kulturps. die Kritik an einer kulturvergleichenden Ps., in der Kultur als eine unabhängige, isolierbare Variable betrachtet wird.

Während die Kulturps. als Ansatz stärker in westlichen Ländern, resp. in Dt. verankert ist, wird die I. v. a. von «nicht westlichen» Forschern vertreten bzw. von Forschern, die an westlichen Universitäten ausgebildet wurden und bei der Rückkehr in ihre Herkunftskultur feststellten, dass die erlernten Theorien, Konzepte und Methoden einen begrenzten Erklärungswert für den anderen kult. Kontext besassen. Insofern ist die I. auch als Reaktion auf ein Machtungleichgewicht in der psychol. Forschungslandschaft zu verstehen, in der insbes. westliche Theorien und Methoden dominierten. In einem Manifest zur I. formulieren Kim et al. (2006, S. 6–11) folg. zehn Thesen zur Bestimmung der I.: (1) I. befasst sich mit psych. Phänomenen in ihrem Kontext. (2) I. meint nicht die Erforschung von Eingeborenen bzw. Menschen aus Ländern der Dritten Welt, sondern bezieht sich auf alle kult. und ethnischen Gruppen. Insofern ist die I. eher als Überkategorie aller Ps. zu verstehen und weniger als eine Subdisziplin. (3) In der I. wird ein multimethodischer Ansatz gepflegt, um ein möglichst umfassendes Verständnis psych. Phänomene herzustellen. (4) I. sollte sowohl von indigenen als auch von externen Forschern betrieben werden, um zu einem vollständigeren Verstehen zu gelangen. (5) In der I. besteht die Rolle des Forschers darin, den Untersuchungssubjekten mit kontextangemessenen Methoden zu helfen, das für ihr Selbstverständnis spezif. episodische und handlungspraktische Wissen zu explizieren und einer analytischen Betrachtung zugänglich zu machen. (6) I. bedeutet die Einnahme von multiplen Perspektiven auf ein psych. Phänomen. Sie redet nicht einem extremen Kulturrelativismus das Wort, sondern kann vielmehr dazu beitragen, kult. Universalien auf einer aussagekräftigeren Grundlage zu belegen. (7) I. ist nicht gleichzusetzen mit geistes- bzw. religionsgeschichtlichen Denkweisen, wie z. B. Konfuzianismus, Hinduismus, Katholizismus o. Ä. Vielmehr muss überprüft werden, welche Relevanz best. Weltanschauungen für das psych. Erleben und Handeln von Individuen in einem spezif. Kontext entfalten. (8) Die I. propagiert nicht nur die Einnahme einer unbeteiligten Beobachterperspektive bei der Untersuchung psych. Phänomene, sondern v. a. auch ein subjektorientiertes meth. Vorgehen sowie eine genaue Analyse der sozialen Aushandlungsprozesse in Gruppen. (9) I. ist interdisziplinär angelegt. Um psych. Phänomene in ihrem kult. Kontext zu verstehen, ist phil., historisches, religiöses und sprachliches Wissen notwendig. (10) I. kann «von außen» betrieben werden, in dem existierende psychol. Theorien, Konzepte, Methoden an einen best. kult. Kontext angepasst werden. Sie kann ebenso «von innen» betrieben werden, wenn Theorien, Konzepte und Methoden aus dem zu untersuchenden kult. Kontext heraus entwickelt werden. Typische Bsp. für die Erforschung indigener psychol. Konzepte sind das chinesische Guanxi-Verständnis als Grundlage der zw.menschlichen Beziehungs- und Selbstdefinition oder das japanische Amae-Konzept, das ebenfalls enge interpersonale Beziehungen beschreibt. Idiozentrismus-Allozentrismus.

Referenzen und vertiefende Literatur

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