Individualität, somatische

 

[engl. somatic individuality; lat. individuus unteilbar, gr. σῶμα (soma) Körper], [BIO, GES, KLI, PER], bereits Neugeborene unterscheiden sich in ihrem Aussehen und regen deshalb ihre Eltern zu Überlegungen an, welchen Verwandten sie am ähnlichsten sehen: die Gesichtsform, Augenfarbe, Haarfarbe usw. Die morphologische (anatomische) Variabilität zeigt sich in der äußeren Erscheinung von Körperbau, Gesichtsbildung (Physiognomik), der Beschaffenheit von Haut und Haaren u. a. Merkmalen, existiert jedoch nicht weniger auch hinsichtlich des Knochenbaus und der inneren Organe sowie der Feinstruktur des Gewebes. Während die Atlanten der menschlichen Anatomie i. d. R. nur die Anatomie des durchschnittlichen Menschen wiedergeben, stellte Anson (1963) auch die Häufigkeit wichtiger Varianten dar, z. B. den Verlauf der großen Arterien, Lage und Gestalt von Herz, Leber, Magen und Darm. Auch das Gehirn weist in der Lage und Furchung der Hirnlappen und in der Anordnung einzelner Strukturen eine große Variabilität auf.

Die physiol.-neuroendokrine Variabilität zeigt sich u. a. in Sensorik (Wahrnehmung), Motorik, Kreislauf, Atmung, Stoffwechsel, Hormonsekretion (Hormone), Bewegungsaktivität (Aktivität, körperliche) und Schlafverhalten (Schlaf, bereits bei Neugeborenen) und in der gesamten Anpassung (Adaptation) an alltägliche Belastungen. Die biochemisch-immunologische Variabilität (Immunsystem) ist in der Zusammensetzung der Körperflüssigkeiten (Serum, Liquor, Urin, Schweiß u. a.), in den Blutgruppen, Immunreaktionen, allergischen Reaktionen (Allergie), Transplantationsreaktionen usw. zu erkennen. In vielen Tausenden von morphologischen (Morphologie) und funktionellen Merkmalen des menschlichen Organismus existiert eine biol. (natürliche) Variation, die sich unter versch. Gesichtspunkten beschreiben lässt (u. a. Fahrenberg, 1995).

Viele Modelle zur Entstehung von Krankheiten (Ätiologie, Pathogenese) enthalten die Annahme, dass es im Organismus Orte geringeren Widerstandes bzw. erhöhter Irritierbarkeit (lat. locus minoris resistentiae sive majoris irritatione) gibt, welche die spez. Vulnerabilität erklären («Konstitutionspathologie»). Verwandte Konzepte sind die «angeborene Funktionsschwäche» und die in der Psychophysiologie eingehend untersuchten «individualspezif. Reaktionsmuster». Die teils genetisch bedingte, teils erworbene biochemische Individualität (Anlage-Umwelt, Williams, 1998) kann Konsequenzen für die optimale Gestaltung von med. Maßnahmen sowie für die Auswahl und die Dosierung von Medikamenten haben, außerdem für mögliche Nebenwirkungen, Allergien und für die Ernährungsgewohnheiten einschließlich spez. Nahrungspräferenzen und Unverträglichkeiten (Aversionen). Als Idiosynkrasie (gr. idios eigen und synkrasis Mischung) wird eine auffällige Erlebnisweise, eine Verhaltensweise oder eine körperliche Reaktionsweise bez., die relativ selten und hochspezifisch ist: eine spez. sensorische Überempfindlichkeit, eine ungewöhnliche motorische Reaktionsweise, eine Unverträglichkeit oder hochgradige Abneigung (Intoleranz, Aversion). In der Med. werden konstitutionelle Unterschiede als Mitursachen von Erkrankung und indiv. Heilungsverlauf gesehen: Unterschiede der Reaktivität (Empfindlichkeit, Reagibilität) und der Anpassungsfähigkeit (Adaptivität) des gesamten Organismus bzw. einzelner Organsysteme, Unterschiede der Verletzlichkeit (Vulnerabilität) und Empfänglichkeit (Suszeptibilität) bzw. der Widerstandskraft (Resistenz, Immunität) gegenüber schädlichen Einwirkungen, d. h. Infektionen, Intoxikationen, Verletzungen, Überforderung, Stress usw. Jeweils ist eine Wechselbeziehung zw. genetischen Faktoren und Umweltfaktoren anzunehmen, auch bei der tatsächlichen Auswirkung der angeborenen Stoffwechselstörungen (inborn error of metabolism). Durch Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung (Vorsorgeverhalten) von Krankheiten sind somatische Risikofaktoren und Vulnerabilitätsmarker zu erkennen. – Während die traditionelle Konstitutionsforschung unter dem Aspekt Körperbau (Körperbautypen, Typologie) und Temperament zum Stillstand gekommen ist, lebt das Konzept biopsychol. Dispositionen u. a. in der Kleinkind-Forschung und in Krankheitsmodellen fort.

Referenzen und vertiefende Literatur

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