Intelligenz, praktische

 

(= p. I.) [engl. practical intelligence], [PER], p. I. hat zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen. Traditionell bez. p. I. motorisch-koordinative, manuell-mechanische, technisch-konstruktive und planerisch-organisatorische Fähigkeiten (Thurstone, 1949, Vernon, 1949, Fleishman, 1967). Thorndike (1920) definiert noch spezif. mechanische I. als die Fähigkeit, konkrete Objekte der physikal. Welt zu verstehen und zu handhaben. Stern (1928) grenzt p. I. von Geschicklichkeit und gnostischer I. ab. In Abgrenzung zu Geschicklichkeit erfordert, so Stern, p. I. auch (schlussfolgerndes) Denken, im Unterschied zu gnostischer I. ist Denken nur eines der Mittel, um das Handlungsziel zu erreichen. Zur Diagnostik werden Papier-und-Bleistift-Aufgaben verwendet, z. B. im Mannheimer Test zur Erfassung des physikal.-technischen Problemlösens (MTP), aber auch Aufgaben, bei denen die Lösung des Problems unter Verwendung von konkret-gegenständlichem Material zu erbringen ist. Beim Hebeltest von Meili (1962) ist bspw. ein Mechanismus zu konstruieren, bei dem sich zwei Stäbe in vorgegebener Weise bewegen lassen. P. I. ist demnach eine Fähigkeit, die v. a. für technische Berufe von Bedeutung ist. Praktisches Problemlösen und mechanisches Wissen bilden in der erweiterten Gf-Gc-Theorie (Horn & Blankson, 2005) einen Primärfaktor, der dem generelleren Konstrukt (Sekundärfaktor) akkulturiertes Wissen (Gc) zugeordnet ist. In der CHC-Theorie (McGrew, 2009) wird ein vergleichbarer Primärfaktor nicht benannt. Enge Zusammenhänge konnten zwischen p. I. und dem Sekundärfaktor visuelle Fähigkeiten (Gv) sowie den Primärfaktoren Visualisierungsfähigkeit und Raumvorstellung (VZ) und räumlichen Beziehungen (SR) aufgezeigt werden.

Sternberg & Wagner (1986) definieren p. I. neu als Kompetenz für die Bewältigung von (komplexen) Alltagsproblemen [engl. competence in the every-day world], als praktisches Know-how, worunter allg. Problemlösefähigkeiten (Problemlösen), soziale Kompetenzen sowie Interesse an Lernen und Kultur subsumiert wurden. P. I. entspricht hier in etwa dem Laienverständnis von I. Nach Sternberg und Wagner sind Alltagsprobleme schlecht definiert. Nicht alle zur Problembewältigung notwendigen Informationen stehen zur Verfügung, sondern relevante Informationen müssen zuerst beschafft werden. Es gibt oft mehrere oder keine richtige Lösung, und mehrere Wege können zu einer akzeptablen Lösung führen. Die Bestandteile dieser Def. stimmen mit den Merkmalen überein, die Dörner (1986) dem Konstrukt der operativen Intelligenz zugrunde legte. P. I. nach Sternberg und Wagner ist die Fähigkeit, stilles Wissen [engl. tacit knowledge (= T.)] zu erwerben. T. ist (gruppenspezif.) soziales Wissen, das nicht explizit vermittelt, sondern implizit, d. h. durch Erfahrung und Nachahmung, erworben wird und oft nur schwer verbalisierbar ist (implizites Wissen). T. wird in vielen Berufen gebraucht und von Berufsanfängern erwartet. T. hat praktischen Wert als Wissen über effektives Verhalten in einer gegebenen Situation. T. kann mit Situational Judgement Tests erfasst werden, z. B. mit dem Tacit Knowledge Inventory for Managers (TKIM). P. I. nach Sternberg und Wagner wurde wiederholt in Frage gestellt: Kritisiert wurde, dass die Annahme eines generellen Fähigkeitskonstrukts aufgrund der Spezifität des Wissens nicht gerechtfertigt ist. Ferner, dass nur für wenige Berufe empirische Befunde vorliegen und dass die vorgelegten Validitätsbefunde (höhere Kriteriumsvaliditäten als die allg. Intelligenz; inkrementelle Validität bei der Vorhersage von Berufserfolgskriterien gegenüber der allg. Intelligenz) substanzlos sind.

Referenzen und vertiefende Literatur

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