Intelligenzen, multiple

 

(= m.I.) [engl. multiple intelligences], [PER], Bez. für ein von H. Gardner um 1980 postuliertes Bündel von modularisiert-unabhängigen geistigen Fähigkeiten, die seiner Meinung nach an die Stelle der «klassischen», psychometrischen Intelligenz (= I.) treten sollten, weil sie für Schul-, Bildungs- und Lebenserfolg wesentlich relevanter als der IQ sein sollen. Als Ergebnis einer Literatursichtung (einschließlich der Biografien berühmter Persönlichkeiten wie T. Eliot, A. Einstein, P. Picasso, I. Stravinsky, M. Graham, M. Gandhi, S. Freud) destillierte Gardner folg. m.I.: linguistische I., logisch-mathematische I., visuell-räumliche I., musikalische I., körperlich-kinästhetische I., interpersonale I., intrapersonale I., naturalistische I., existenzielle I. 2004 ergänzte er die Liste der m.I. durch mentale Suchscheinwerfer-I. und Laser-I. sowie 2007 um folg. m.I. (jetzt als minds bezeichnet): disziplinierte I., synthetisierende I., kreative I., respektvolle I., ethische I. Jede dieser m.I. soll sich durch spezif. Wahrnehmungs- und Gedächtnisprozesse sowie durch eigene neuronale Ressourcen von den anderen m.I. abheben. Eine übergeordnete mentale Funktionseinheit, welche die unterschiedlichen m.I. integrativ verknüpft, oder eine hierarchisierte I.-Struktur lehnt Gardner ab, wie auch ein generelles Arbeitsgedächtnis. Gardner versteht seine Theorie der m.I. prinzipiell als offen, also jederzeit erweiterbar. Die m.I. sind in den vergangenen Jahren recht populär geworden (besonders bei psychol. Laien, vor allem in der Pädagogik), wurden jedoch von vielen I.forschern mit u. a. folg. Argumenten massiv kritisiert (selbst wenn man die Theorie der m.I. lediglich als Erweiterung des traditionellen, aber etablierten mehrdimensional-hierarchischen I.-Konzepts versteht): teilweise geringer Neuigkeitswert (die drei ersten m.I. entsprechen bekannten I.-Gruppenfaktoren), hohe Subjektivität der Theorie, Vernachlässigung wichtiger Befunde der psychometrischen I.-Forschung, konzeptwidrig bedeutsame Interkorrelationen einzelner m.I., konzeptwidrige – z. T. hohe – Korrelationen diverser m.I. mit der allg. Intelligenz g, defiziente Zusammenfassungen von Forschungsbefunden zur Validität des IQs, psychometrisch unzulängliche Diagnoseinstrumente zur Erfassung der m.I. und deren nicht belastbar belegte Gültigkeit. Zudem erfolgt die «Messung» der m.I. zumeist lediglich durch Selbst- und Fremdeinschätzungen mittels Fragebogen (vor allem durch Interessen- und Selbstkonzeptitems), ist dann also keine Leistungsmessung (Leistungstests zur Persönlichkeitsmessung) im eigentlichen Sinne.

Verwendete Literatur

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