Interpretation

 

 (= I.) [engl. interpretation; lat. interpretatio Auslegung, Übersetzung], [DIA, FSE, PHI], die Übersetzung einer Aussage mit beziehungsstiftenden Erläuterungen ist eine grundlegende Methode des Denkens und der Verständigung – so fundamental wie Begriffsbildung und Urteilsbildung. Eine Aussage, eine Beobachtung oder ein Untersuchungsergebnis werden in einen Zusammenhang mit anderem Wissen gebracht, um etwas zu verstehen oder zu erklären. Die I. folgt – im Unterschied zum ungeübten oder nur spekulativen Denken – best. Prinzipien, Regeln und Konventionen. Auch exp. und stat. Untersuchungsergebnisse werden interpretiert, indem sie auf die zugrunde liegenden Hypothesen und auf andere Ergebnisse bezogen und im Zusammenhang der Fachliteratur, Methodenkritik und Anwendungsperspektive diskutiert werden. Dementsprechend sind auch Texte, Werke, Verhaltensbeobachtungen, psychol. Testergebnisse, biografische Daten und grundsätzlich alle psychol. Befunde zu interpretieren. Allgemeine Lehrbücher der psychol. Methodenlehre stellen hauptsächlich die Regeln und Standards des exp.-stat. Bereichs dar und gewinnen hier ihre Maßstäbe (Döring & Bortz, 2014), während im Bereich der sog. qual. Methoden (Mey & Mruck, 2010; empirische Sozialforschung, qualitative Forschungsmethoden, qualitative Sozialforschung) zwar vielfältige methodologische Reflexionen, aber kaum eine zus.fassende I.lehre existiert. Im Fokus steht hier, ohne auf typisierende oder stat. Auswertungen völlig verzichten zu müssen, zunächst ein einzelner Text (als Oberbegriff für alle genannten psychol. Quellen und Befunde). Die I. übersetzt, erschließt noch verborgene Zusammenhänge und stiftet neue Beziehungen. Sie durchdringt den Zusammenhang zw. den Textelementen und dem gesamten Text sowie zw. dem Text und seinen Kontexten, sodass sich die Bedeutungen der Teile zum verständlichen Ganzen verbinden. Diese beziehungsstiftende, heuristische Funktion ist ein wesentliches Merkmal der I.

Die erste und kaum beachtete I.lehre der Ps. wurde von Wundt in seiner Logik (1921) dargelegt. «Als Interpretation bez. wir daher allg. den Inbegriff der Methoden, die uns ein Verständnis geistiger Vorgänge und geistiger Schöpfungen verschaffen sollen.» Wundt bestand darauf, dass erklärende und verstehende Methodik logisch nicht grundverschieden sind, er wies deshalb Diltheys Auffassungen über das Verstehen zurück. Die I.methodik ist, Wundt zufolge, durch eine eigentümliche Verbindung von induktiven und deduktiven Operationen (InduktionDeduktion) zu einem einheitlichen Verfahren gekennzeichnet, wobei die Erkenntnisfunktionen des Interpreten und dessen Fehlerquellen zu untersuchen sind. Zum I.prozess gehören das «Hineindenken in das psych. Objekt», die Aufstellung leitender Hypothesen und ein «Prozess allmählicher Vervollkommnung der Interpretation durch Kritik», d. h. ein der I. entgegengesetztes Verfahren, den hergestellten Zusammenhang durch psychol. Analyse zu zerlegen. Sie geht äußeren oder inneren Widersprüchen nach, sie soll die Echtheit geistiger Erzeugnisse bewerten und ist außerdem Wertkritik und Kritik der Meinungen (Prinzip der Reflexivität). Die typischen Irrtümer der intellektualistischen, individualistischen und unhistorischen I. geistiger Vorgänge haben «sämtlich in der gewöhnlich der subj. Beurteilung zugrunde liegenden vulgären Ps. ihre Quelle» (Wundt, 1921).

Die Methodik der psychol. I. in der Diagnostik und Biografik hat in vierfacher Weise eine Sonderstellung gegenüber der geisteswiss. Hermeneutik: (1) I. d. R. sind außer dem zu interpretierenden Text noch andere wichtige Informationen über den Verfasser vorhanden. (2) Im Unterschied zur konventionellen Textanalyse kann die I. auch interaktiv geschehen, sodass zusätzliche wichtige Aspekte gewonnen werden. (3) Die psychol. I. hat häufig einen berufspraktischen Zweck und führt damit zu Fragen nach dem Nutzen, nach Qualitätskontrolle und berufsethischen Aspekten. (4) Mit psychol. Methoden können die intersubjektive Konvergenz und andere Aspekte der Gültigkeit untersucht werden (Triangulation). Wiss. Standards der psychol. Text-(Werk-)-I., analog zur exp. Versuchsplanung (Experiment) und stat. Datenanalyse (z. B. Gütekriterien, CONSORT statement für randomisierte kontrollierte Studien, Teststandards), fehlen bisher, doch können allg. Richtlinien für eine adäquate I. aufgeführt werden. Psychol. I. ist eine lehr- und lernbare Methodik im Grundstudium der Ps.

Prinzipien: Allg. Prinzipien als Grundsätze des meth. Vorgehens werden hier von den als Verfahrensweisen bewährten Strategien und von den spez. Regeln als Strategieelementen eines best. Anwendungsgebiets unterschieden. Auch die Prinzipien stehen nicht am Anfang, sondern sie folgen ihrerseits aus allgemeinsten Annahmen über die Beziehungen zw. Zeichen und Bedeutungen unter erkenntnistheoretischen, sprachphil. und auch sprachpsychol. Perspektiven (Psycholinguistik, Semiotik). Die Grundannahme lautet, dass ein gegebener Text (oder ein anderes menschliches Werk) Bedeutungen hat, die auf nachvollziehbare Weise in ps. Begriffe übersetzt werden können. (1) Das Prinzip der Partizipation betont die Teilhabe am gemeinsamen soziokulturellen System (Sprache, Lernen von Werten und Bedeutungen) und liefert die Begründung, weshalb solche Übersetzungen grundsätzlich möglich sind, auch wenn dabei einige Einzelheiten unzugänglich bleiben können. (2) Texte sind als Kommunikation verfasst (Prinzip der Kommunikation). Ihr Inhalt (das Gemeinte, der Sinn) muss übersetzt, erläutert und ausgelegt werden, damit er richtig verstanden wird, d. h. nicht nur als Mitteilung an die Empfänger wie in der Tradition der Hermeneutik, sondern möglichst in einem zweiseitigen Prozess. (3) Der Text hat viele engere und weitere, zur Erläuterung dienliche Kontexte, d. h. den unmittelbaren textlichen Zusammenhang von Teil und Ganzem, die Entstehungsbedingungen, den Zweck des Vorgehens, frühere I.ansätze, die Einstellungen des Autors und der Interpreten. (4) Grundsätzlich steht am Beginn einer I. ein Vorverständnis, denn jeder Interpret wird sich einem Text mit einer indiv. Einstellung und Kompetenz nähern. Während in der geisteswiss. Tradition durchaus Schulunterschiede und bekannte Parteilichkeiten der I. hingenommen werden, sind von der psychol. I.methodik Kontrollmaßnahmen und Prüfungen der Konvergenz zu erwarten (Fremdverstehen). (5) Das Prinzip der Mehrdeutigkeit besagt, dass die Bedeutungen von Texten und Textelementen nicht eindeutig festgelegt sind – so wie ein Begriff mehrere Konnotationen (ein Bedeutungsfeld) hat. Der geschriebene Text hat einen manifesten Inhalt, unter dessen Oberfläche weitere und in psychol. Hinsicht vielleicht interessantere Bedeutungen verborgen sein könnten. Wie tief eine I. in diese latenten Beziehungen eindringen kann, ohne zur Spekulation und Erfindung zu werden, ist eine Grundfrage der I.lehre. (6) Das Prinzip der Heuristik meint, dass solche multiplen Bedeutungen und Zusammenhänge zunächst beziehungsstiftend entfaltet werden müssen. Anschließend gilt es dann, wieder einengend, die zutreffendste I. zu finden. (7) Das Prinzip der Konstruktion und Rekonstruktion drückt aus, dass jede I. eine mehr oder minder vorläufige, hypothetische Konstruktion ist. Sie muss durch geeignete Strategien an der Gesamtheit der vorhandenen Informationen überprüft werden.

Strategien: Der Sichtung des Materials und der Materialkritik folgen Überlegungen zum eigenen Vorverständnis, zur möglichen Voreingenommenheit und Befangenheit sowie zur Aufgabenstellung. An eine Darlegung des ersten Eindrucks und des Vorentwurfs schließt sich die Durchgliederung des Textes an, und im rekursiven Durchlaufen des Textes werden – divergent und konvergent – neue Zusammenhänge einbezogen und weniger überzeugende ausgeklammert (hermeneutischer Zirkel). Eine I. kann eine größere Tiefe erreichen, wenn sie vielfältige Konnotationen und Kontexte einbezieht. In heuristischer Weise sind latente Bedeutungen zu erschließen und mit «tiefenpsychol.» Methodik vielleicht auch verborgene, unbewusste Tendenzen. Je weiter die Kontexte und je tiefer die Bedeutungen gesucht werden, desto eher werden versch. Interpreten voneinander abweichen. Interpretationstiefe und zunehmende Interpretationsdivergenz hängen zus.

Die psychol. Übersetzung von Textelementen kann unter mehreren Gesichtspunkten systematisiert werden: Der Kontext ist der Zusammenhang des Themas; die Latenz ist die Verborgenheit einer noch zu erschließenden Sinnstruktur; die Singularität zeichnet Einzelfälle besonderer Relevanz aus; die Präsenz meint das Erscheinen oder das auffällige Nicht-Erscheinen von Themen. Von anderen Pionieren der Inhaltsanalyse wurden dagegen die folg. Dimensionen bevorzugt, die eher eine Skalierung und damit auch eine stat. Auswertung von Inhalten ermöglichen: Frequenz ist die Häufigkeit des Themas; Valenz ist die pos. oder neg. Wertigkeit; Intensität ist die Ausprägung; Kontingenz ist der auch stat. beschreibbare Zusammenhang mit anderen Themen (Ritsert, 1972). Bsp. latenter Bedeutungen sind einerseits indiv., unbewusste Tendenzen oder die gesellschaftlichen Konnotationen eines Textes, die sich ohne bewusste Absicht des Verfassers im Text ausdrücken.

Bsp. für Interpretationsregeln sind die Dominantentechnik, die bei dem auffälligsten Thema ansetzt, oder die Analyse von Widersprüchen, d. h. von ambivalenten Aussagen oder Gegensätzen von Inhalt und Form. Aufschlussreich sind Hervorhebungen (principle identifiers of salience, Alexander, 1988): Primacy – das erste Thema (Eröffnung, Übersicht und Schlüssel), Frequency – die Häufigkeit (Wiederholungen und Variationen), Uniqueness – das Besondere (das Einmalige am Ereignis und an der Formulierung), Negation – die Verneinung (und Abwehr), Emphasis – die Betonung (Überbetonung oder Unterbetonung), Omission – die Auslassung (von inhaltlichen Aspekten oder von zugehörigen Affekten), Error of Distortion – die Verzerrung (Fehler, Versprecher, Irrtümer), Isolation – das Unpassende (aus der Kommunikationssequenz herausfallend), Incompletion – die Unvollständigkeit (Unterbrechungen, abruptes Ende).

Überzeugungskraft und Gültigkeit: Besteht zw. dem exp., psychometrisch-stat.Paradigma und dem interpretativen Paradigma der Ps. ein fundamentaler Gegensatz? In jedem Fall stellt sich die Aufgabe einer geeigneten «Qualitätskontrolle der qual. Verfahren» (Forschungsprozess, Mixed-Methods-Ansatz). Interpretationen sind falsch, wenn die Quellen- und Textkritik Fehler oder sprachliche und begriffliche Irrtümer aufzeigt. Darüber hinaus ist es angebracht, anstelle der Begriffe «richtig» und «falsch», von mehr oder minder großer Überzeugungskraft und Adäquatheit der I. zu sprechen. Folgerichtigkeit bezieht sich einerseits auf die historisch-genetische Anknüpfung an Früheres und andererseits auf die Plausibilität der angeführten Gründe. Triftigkeit bezieht sich auf den Inhalt und den Kontext, also den in der Auslegung gegebenen Sinn- und Bedeutungszusammenhang. Die I. ist triftig, wenn alles seinen Platz findet, wobei die Elemente durchaus Komponenten eines in sich widerspruchsvollen Musters sein können: Eine Substruktur wird einer Struktur eingefügt und erweitert diese. Eine I. gilt zweitens als triftig, wenn heuristisch erschlossen, evtl. sogar vorhergesagt werden kann, welche anderen Elemente an diesem oder jenem Platz des Musters zu erwarten sind (Kaplan, 1964). Psychol. lässt sich das Evidenzgefühl als eine eigentümliche Erlebnisqualität beschreiben, die eine gelungene Problemlösung begleitet, wenn bisher verborgene Beziehungen oder best. Muster hervortreten.

Die I.lehre der Psychoanalyse hat eine Sonderstellung, denn sie versucht, Erlebnisse und unbewusste Prozesse mit dem neurotischen Symptom (Neurose) auf der Verhaltensebene zu verbinden, gestützt auf Einfälle und freien Assoziationen. Eine Deutung ist dann zutreffend, wenn sich beim Pat. eine Wirkung zeigt: verbale Zustimmung (Aha-Erlebnis) oder emot. Widerstand gegen diese Deutung. Ein wichtiges Indiz kann «die Mitsprache des Symptoms» sein. «Ist die Konstruktion falsch, so ändert sich nichts beim Pat., wenn sie aber richtig ist oder eine Annäherung an die Wahrheit bringt, so reagiert er auf sie mit einer unverkennbaren Verschlimmerung seiner Symptome und seines Allgemeinbefindens. ... Nur die Fortsetzung der Analyse kann die Entscheidung über Richtigkeit oder Unbrauchbarkeit unserer Konstruktion bringen» (Freud, 1937).

Evidenz (lat. Augenschein) und subj. Überzeugtsein, den Sinn eines Textes verstanden zu haben, können im wiss. Vorgehen nicht genügen. Eine I. ist jedoch nicht einfach nach dem Prinzip intersubjektiv kontrollierter Beobachtung als richtig oder falsch zu beurteilen oder auf einfache Weise zu validieren (Qualitative Sozialforschung). Inwiefern kann eine I. an einer konkurrierenden I. scheitern? Es gibt in diesem Bereich keine einfachen Maßstäbe für Reliabilität und Validität, die der meth. Eigenart von I. adäquat sind. Diskutiert wurden u. a. die Untersuchung von Konvergenz und Konsens in einer I.gemeinschaft, die kommunikative Validierung in einem gleichberechtigten Diskurs von Untersucher und Untersuchtem oder die Kombination von mehreren eigenständigen Methoden, wobei das Verfahren der Triangulation den Multimethod-Ansatz des psychol. Assessments nachbildet. In der Fachliteratur mangelt es jedoch an exemplarischen Methodenstudien und an kritischer Evaluation der Divergenz oder Konvergenz versch. Interpreten. Die I.gemeinschaft als eine mögliche Instanz zur Entwicklung von konvergenten I. spielt kaum eine Rolle. Wichtige Konzepte der allg.psychol. Forschung scheinen nur zögernd aufgenommen zu werden: Schemata und Fehlerquellen der Eindrucksbildung, Bewertungen, Attributionsprozesse und andere Verzerrungen der Urteilsbildung (Beurteilungsfehler, Beurteilerübereinstimmung). Wesentliche Kriterien der intersubj. Überzeugungskraft einer psychol. I. sind: Inwieweit geschieht die I. nach deutlichen Strategien und Regeln? Bleibt dieser Prozess durchsichtig und nachvollziehbar? Sind die anfänglichen I.ansätze absichtlich divergent angelegt, also an heuristischen Varianten interessiert, um viele Aspekte zu bedenken und einzubeziehen? Werden systematische Gegenentwürfe entwickelt und diskutiert? Gibt es auch eine Systematik und eine theoret. Analyse der Diskrepanzen und der Fehler? Wird die Überzeugungskraft der I. im Kontext, im interaktiven Verfahren oder in einer I.gemeinschaft geprüft? Oder ist das Vorgehen eher sprunghaft, in den Urteilen undurchsichtig und durch andere Interpreten nicht reproduzierbar? (Danner, 2006).

Die strukturelle Subjektivität psychol. I. ist offensichtlich. Aber sie wird vielleicht nur einen Teil der I. beeinflussen, während für andere Teile eine intersubjektive Übereinstimmung erzielt werden kann. Es besteht ein Kontinuum mit graduell versch. Ausprägung der Nachvollziehbarkeit eines I.prozesses, der methodenkritischen Reflexion und der entspr. Kontrollstrategien. Psychologie, sozialwissenschaftliche.

Referenzen und vertiefende Literatur

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