Interview

 

(= I.) [engl. interview; frz. entrevue Begegnung, Unterredung], [FSE, DIA], ein psychol. I. ist ein Gespräch zw. einem oder mehreren Interviewern auf der einen und einem oder mehreren Interviewten auf der anderen Seite, das nach impliziten und expliziten Regeln abläuft und dazu dient, Informationen zur Beschreibung, Erklärung oder Vorhersage indiv. Verhaltens oder der Beziehung zw. Personen zu erheben oder Informationen zu den Bedingungen zu gewinnen, die indiv. Verhalten oder die Beziehung zw. Personen ändern oder aufrechthalten können. Implizite Regeln sind die allg.gültigen Regeln des Umgangs bei Gesprächen im Alltag. Alle Anweisungen und Fragen eines Leitfadens bilden die expliziten Regeln. Das I. ist die in der ps. Diagnostik am weitesten verbreitete Methode zur Gewinnung von Informationen und wird in allen Anwendungsbereichen der Ps. verwendet. Alle I.konzeptionen, die auch gute psychometrische Kennwerte (Gütekriterien) für ihre I. nachweisen können, zeichnen sich durch eine explizite Planung, Durchführung und Auswertung aus, die zu (teil-)strukturierten bis hin zu standardisierten Gesprächen führen.

Ein unstrukturiertes Gespräch wird ohne Vorgaben zu Durchführung und Auswertung geführt, während bei einem teilstrukturierten Interview zumindest die zu stellenden Fragen explizit vorliegen, etwa in Form eines Leitfadens. Bei einer völligen Strukturierung wird häufig zusätzlich die Reihenfolge der Fragen festgelegt. Werden dem Interviewten auch die Antwortmöglichkeiten vorgelesen und hat der Interviewte sich nur zw. ihnen zu entscheiden, dann entspricht der Leitfaden einem vom Interviewer vorgelesenen Fragebogen. Ist zusätzlich auch jeder Schritt der Auswertung und Interpretation der so erhobenen Informationen festgelegt, so liegt ein standardisiertes Interview vor. Zu einer expliziten strukturierten Planung gehören die Anforderungsanalyse und die Überlegungen zu den zu stellenden Fragen. Verhaltensbeschreibende Anforderungen sind in allen Anwendungskontexten die Grundlage für möglichst valide I. Auf ihnen gründet der Leitfaden für die Durchführung und das Kategoriensystem für die Auswertung.

Die zu stellenden Fragen sowie notwendige zusätzliche Informationen befinden sich im Leitfaden. I. Allg. enthält er folg. Aspekte: (1) notwendige Informationen für den Beginn des I. (Begrüßen, Vorstellen, Funktionen der Beteiligten, Ziele und Dauer des I., Übersicht über die Vorgehensweise, Erklärungen zum Umgang mit den zu erhebenden Informationen), (2) alle potenziell zu stellenden Fragen, ausformuliert, (3) erklärende Überleitungen zu einzelnen Abschnitten, (4) notwendige Erklärungen nicht vermeidbarer Fachbegriffe, (5) Vorschriften, wie der Interviewer bei jeder anstehenden Entscheidung vorzugehen hat, (6) alle vorgesehenen Informationen für den Interviewten, (7) Informationen zum Gesprächsabschluss.

Für eine strukturierte, valide Datenerhebung werden im I. Fragen verwendet, die den Interviewten nicht in eine Richtung lenken oder ihn unnötig einschränken, d. h., es wird offen, konkret, verhaltensbezogen, respektvoll und verständlich gefragt, ohne Suggestivfragen zu verwenden. Eine strukturierte I.durchführung zeichnet sich dann dadurch aus, dass der Interviewer den Leitfaden flexibel anwendet sowie die Gesprächsinhalte festhält, um eine unverzerrte Auswertung zu ermöglichen. Im Gespräch werden Informationssammlung und Bewertung voneinander getrennt. Die Gesprächsauswertung erfolgt wiederum kriterienorientiert nach vorher festgelegten expliziten Regeln. Fragen in I. sind suggestiv, wenn die vom Interviewer «erwünschte» Antwort aus der Frage erkennbar ist, weil mind. eine der folg. Bedingungen erfüllt ist: Vorausgeschickte Informationen verdeutlichen die erwünschte Antwort; in der Frage ist bereits eine Bewertung des erfragten Verhaltens enthalten; es wird etwas als gegeben voraussetzt, was nicht vorausgesetzt werden kann, weil es auch anders (gewesen) sein kann; Antwortalternativen werden unvollständig aufgezählt; bei vollst. Antwortalternativen oder bei Ja-Nein-Antworten ist eine der Antworten für den Interviewten näherliegend; es sind hinweisgebende Füllwörter wie «sicher», «etwa» usw. enthalten. Wird das Vorgehen im I. dem Interviewer vorgeschrieben, mit ihm eingeübt und dazu regelmäßig indiv. Feedback gegeben, sodass alle Interviewten in der gleichen Weise befragt, die Ergebnisse (auf Tonträger) aufgezeichnet und gemäß vor dem I. festgelegten Regeln ausgewertet und interpretiert werden, so können solchermaßen strukturierte I. eine Reliabilität (= Messgenauigkeit) und Validität (= Güte) aufweisen wie sehr gute psychometrische Tests. Die Ergebnisse solcher I. korrelieren dann nicht mit dem Alter, Geschlecht und der ethnischen Herkunft von Interviewer oder Interviewtem, was bei teil- oder nicht strukturierten I. i. d. R. der Fall ist. ethnografische Interviews, Experteninterviews, focus interview, narratives Interview, qualitative (Leitfaden-)Interviews, Problemzentriertes Interview (PZI).

Verwendete Literatur

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