Ironie

 

(= I.) [engl. irony; lat. ironia, gr. εἰρωνεία (eironeia) Verstellung, vorgetäuschte Unwissenheit], [KOG, SOZ], die psychol. Forschung zu I. behandelt diese als rhetorische Figur der Alltagskommunikation, bei der das Gesagte nicht mit dem Gemeinten übereinstimmt (Kommunikation). Sie stellt damit einen paradigmatischen Fall für die kogn. Konstruktivität dar, die beim Gebrauch hochkomplexer Sprachformen besonders auffällig ist. Das zentrale sprach- und denkpsychol. Problem besteht darin, wie die Relation von Gesagtem und Gemeintem strukturell und prozessual zu modellieren ist. Damit sind Bezüge außerhalb des Sprachlichen («I. des Schicksals») und innerhalb von größeren (fiktionalen) Texten (literarische I. als verfremdend-gebrochene Grundhaltung des Erzählens) nicht unmittelbar thematisch.

In Bezug auf die Relation von Gesagtem und Gemeintem besteht als (einzige) Übereinstimmung zw. allen Theorieansätzen die Annahme, dass deren Auseinanderfallen eine «offene Verstellung» ist, also vom Hörenden erkannt werden soll. Damit liegt ein nur scheinbarer Verstoß gegen das Kooperationsprinzip der Konversationsmaximen (Grice) vor, der zu einer «konversationellen Implikatur» führt, d. h. zu einer vom Kontext ausgehenden Inferenz des eigentlich Gemeinten (was gerade keine logisch zwingende Implikation ist). Diese Implikatur steht im Mittelpunkt der Vorspiegelungstheorie (pretense theory, Clark & Gerrig), die allerdings auch nicht mehr als die durchsichtige Vorspiegelung von Sprechereinstellungen erklären kann. Die sprechakttheoretische Modellierung (Sprechakttheorie) präzisiert darüber hinausgehend, dass es sich beim Auseinanderfallen von Gesagtem und Gemeinten auf jeden Fall um eine Dissoziation auf Ebene der Propositionen (uneigentliches Sprechen) handelt («Welch wunderbarer Tag!» bei Regenwetter), die auch mit einem Wechsel auf der Illokutionsebene (indirekter Sprechakt) verbunden sein kann, aber nicht muss (Bundespräsident Heuß zu den Soldaten des ersten Bundeswehr-Manövers 1956: «Nun siegt mal schön!» – Illokution: Ablehnen durch Propagieren). Auch die These, dass es sich bei I. um eine Form von echoartiger Erwähnung (einer durch die I. konterkarierten Äußerung) handelt (Sperber & Wilson), trifft nicht auf alle ironischen Sprechakte zu (vgl. den wunderbaren Tag). Deshalb wird der Komplexität und Flexibilität von I. am ehesten ein Konzept prototypischer Begriffsbildung gerecht, bei der die Kernbedeutung möglichst viele Merkmale auf sich vereint, aber auch Randbedeutungen mit weniger Merkmalen akzeptiert werden. Neben den Merkmalen der (offenen) Vorspiegelung, der propositionalen und ggf. illokutiven Dissoziation sowie der expliziten oder impliziten Erwähnung vorhergehender Äußerungen gehören noch die linguistischen Merkmale der Realisierung auf Wort-, Satzteil- oder Satzebene dazu. Außerdem lassen sich (wie schon von der klassischen Rhetorik postuliert) für das Verhältnis von Geäußertem und Gesagten sowohl eine Gegenteils- als auch Kontrast-Relation sichern (nicht das Gegenteil wie beim wunderbaren Tag, sondern nur etwas Anderes ist gemeint: Bsp. «Nun siegt mal schön!»). Inhaltlich gibt es ein Übergewicht von neg. Sprechakten (Tadel durch Lob gegenüber dem jedoch auch vorkommenden pos. Lob durch Tadel), die sich von ihrer kommunikativen Funktion her in vier Klassen einteilen lassen: sich wehrende I., kritisch-konstruktive I., arrogante I. und liebevolle I. (Groeben & Scheele, 2003).

In Bezug auf den Kommunikationsprozess von I. hat es eine lang andauernde Kontroverse zw. dem sprechakttheoretischen Standardmodell und dem Modell des direkten Zugangs gegeben. Nach der sprechakttheoretischen Modellierung (v. a. Searle) muss zuerst die Unangemessenheit der wörtlichen Äußerung konstatiert werden, um dann die gemeinte Implikatur zu inferieren, was einen größeren und länger andauernden kogn. Aufwand bedeutet. Dieser wird von der These des direkten Zugangs (Gibbs) bestritten, die sich allerdings i. R. der die Kontroverse konstruktiv auflösenden Salienz-Theorie (Giora) nur für konventionalisierte I. («Das hat uns gerade noch gefehlt!») als zutreffend erwiesen hat. Bei kreativen (kühnen) ironischen Äußerungen ist die sprechakttheoretische Modellierung adäquater, die auf die Dauer allerdings auch noch durch die Analyse der emot.-ästhetischen Qualität solcher figurativer Sprechakte zu komplettieren ist. Humor, Witz.

Referenzen und vertiefende Literatur

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