Katatonie

 

(= K.) [engl. catatonia; gr. κατά (kata) herab, entgegen, τόνος (tonos) Spannung], [BIO, KLI, PHA], K. ist eine ausgeprägte Störung der Willkürmotorik, die sich in einer unnatürlich, stark verkrampften Haltung des ganzen Körpers äußert. K.-Symptome kommen bei Schizophrenien (z. B. schizophrener Stupor), affektiven Störungen (z. B. depressiver/manischer Stupor) sowie bei organischen und dissoziativen (z. B. dissoziativer Stupor) psych. Störungen vor. K.-Symptome werden dabei laut Gruber in Hypo- und Hyperphänomene eingeteilt. Die wichtigsten Hypophänomene (Akinesien): (1) Stupor: Zustand einer psychomotorischen Hemmung mit unterschiedlich ausgeprägter Bewegungs- und Regungslosigkeit, in dem der Kranke bei klarem Bewusstsein auf äußere Reize nicht reagiert, nicht spricht (Mutismus), nicht trinkt und nicht isst und Aufforderungen nicht nachgeht, obwohl er diese wahrnimmt und versteht. Eine Amnesie besteht i. d. R. nicht. (2) Mutismus, (3) Sperrung: Der Betroffene beginnt mit einer Handlung/Bewegung und bricht diese mittendrin ohne nachvollziehbaren Grund innehaltend ab, (4) Negativismus: Der Pat. führt das Gegenteilige von dem, was gefordert wurde, aus, (5) Katalepsie: Passiv eingestellte, manchmal durchaus unbequeme Körperstellungen werden abnorm lange beibehalten, (6) Haltungsstereotypien (starre Katalepsie): Der Pat. verharrt lange Zeit in best. Haltungen und setzt dem Versuch, diese zu verändern, energischen Widerstand entgegen, (7) Flexibilitas cerea («wächserne Biegsamkeit»): Bei passiver Bewegung von Extremitäten spürt der Untersucher einen zähen Wiederstand, ähnlich wie beim Versuch, Wachs zu modellieren.

Katatone Hyperkinesien: (1) Psychomotorische Erregung (häufig: sinn- und zweckloser Bewegungsdrang, psychomotorische und sprachliche Unruhe, «Tobsucht», Heulen, Schreien, Schimpfen, Zerreißen von Kleidern und Bettwäsche, fremd- und autoaggressive Handlungen, Entblößen ...), (2) Raptus: Bewegungssturm, (3) Bewegungs- und Sprachstereotypien: Bestimmte zwecklose Bewegungen oder Redensarten werden ständig wiederholt, ohne dass ein Zus.hang mit den Außenreizen besteht. Einige Bsp.: Hin- und Herwippen, Wisch- und Reibebewegungen, Hin- und Herlaufen, Öffnen und Schließen der Knöpfe, Wiederholung immer derselben Sätze oder Wörter und Wortbruchstücken, Wortneubildungen (Neologismen), Aneinanderreihung sinnloser Silben (Verbigeration), (4) Manierismen (sonderbare, verschrobene und stereotype, oft bizarre Abwandlungen von sinnvollen Handlungen) oder Manieriertheit (Einnahme best. Attitüden, Posen und Haltungen), (5) Befehlsautonomien: Echolalie (mechanisches Nachsprechen von gehörten Wörtern oder Sätzen) und Echopraxie (ständiges Nachahmen von Bewegungen und Handlungen aus der Umgebung, z. B. von Gesten und Haltungen des Untersuchers), (6) Motorische Schablonen und Automatismen (Nesteln, Gegengreifen), (7) Grimassieren: plötzlich einschießendes, z. T. fast ticartiges Verzerren des Gesichts oder einzelner Gesichtspartien. Dahinter steht i. d. R. kein entspr. Gefühlsvorgang, die Grimassen besitzen daher keinen Ausdruckswert.

Katatone Phänomene können Std., gelegentlich nur Min., aber auch einige Tage oder sogar Wochen und Monate andauern. Auch eine chronische Dauer der Symptome, die über Jahre anhalten, ist möglich, obwohl dies heute extrem selten zu finden ist. Ein abruptes, raptusartiges Umschlagen von katatonem Stupor in einen katatonen psychomotorischen Erregungszustand ohne nachvollziehbaren äußeren Anlass ist möglich. Die schweren, offensichtlichen Formen der K. werden in den letzten Jahrzehnten, seit der Einführung der Antipsychotika, wesentlich seltener beobachtet. Dennoch finden sich bei gezielten Untersuchungen bei einem Großteil der Pat. mit Schizophrenie weiterhin oft dezente motorische Auffälligkeiten. Pat. mit prädominant katatoner Symptomatik haben heute eine eher günstige Prognose – es konnte gezeigt werden, dass die Rate der Vollremissionen doppelt so hoch ist wie bei den übrigen Schizophrenien. Therap. müssen bei katatoner Symptomatik zunächst allg. med. und pflegerische Maßnahmen (z. B. parenterale Flüssigkeitszufuhr, Thrombose-, Pneumonie- und Dekubitusprophylaxe, bei längerer Dauer ggf. Ernährung über eine Magensonde) eingeleitet werden. Bei motorischer Erregung oder Sturzgefährdung i. R. der Akinesie kann ggf. eine vorübergehende Fixierung erforderlich sein. Psychopharmakol. werden initial Benzodiazepine (z. B. Lorazepam), im Verlauf standardmäßig Antipsychotika, eingesetzt. Eine rasche Besserung kann durch den Einsatz einer Elektrokrampftherapie erreicht werden. Eine bes. schwere, unbehandelt lebensbedrohliche Form der K. findet sich bei der perniziösen K., die wiederum auf der Symptomebene häufig schwer von dem malignen neuroleptischen Syndrom zu unterscheiden ist («katatones Dilemma»).