Katharsis

 

(= K.) [engl. catharsis, auch abreaction; gr. κάθαρσις (katharsis) Reinigung], [EM, MD, SOZ], das Konzept der K. stammt aus der Poetik des Aristoteles, der darunter eine pos., konstruktive Wirkung der Rezeption von Tragödien (aber auch Musik) versteht, und zwar infolge der dabei erfahrenen Emotionen von Phobos und Eleos. Worin diese pos. Wirkung konkret besteht, wird aber bei Aristoteles nicht präzise deutlich, was seit der Klassik (Lessing) zu einer bis heute andauernden Kontroverse zw. zwei konträren Positionen geführt hat. Die eine übersetzt Phobos und Eleos als Furcht und Mitleid und versteht unter K. deshalb eine moralische Läuterung (Purifikation); die andere setzt als Übersetzung Schauder und Jammer an, was zur Konzeption von K. als emot. Abreaktion (Purgation) führt. Dem Purgations-Konzept unterliegt ein hedonistisches Prinzip, das auf die Entlastung von emot. Spannung ausgerichtet ist, die ihrerseits durch aversive Reize zustande gekommen ist. Die Überwindung der Spannung wird automatisch erreicht, wenn die Gelegenheit zum Ausagieren entlastender (z. B. aggressiver; Aggression) Handlungen besteht; K. als Purgation besteht daher in einer Kongruenz von Emotion und Verhalten. Im Kontrast dazu liegt dem Purifikations-Konzept ein ethisches Prinzip zugrunde, bei dem es um höhere moralische Standards als Folge von Mitleid-Erfahrungen geht. Diese moralische Entwicklung wird durch reflexive Verarbeitung der emot. Spannungen erreicht und führt so zu einer Kongruenz von Emotion und Kognition (Scheele & DuBois, 2006).

Die einschlägige empir. Forschung hat sich lange und überwiegend auf den Purgationspol der K. als Abreaktion (abreaction) konzentriert, und zwar mit fast ausschließlicher inhaltlicher Fokussierung auf aggressive Handlungen. Diese Engführung ist dadurch zustande gekommen, dass das zunächst von der Psychoanalyse eingesetzte Konzept einer kathartischen Methode (durch Bewusstmachung aggressiver Impulse) von der sog. Yale-Gruppe als Frustrations-Aggressions-Hypothese einer empirischen Überprüfung unterzogen wurde. Dabei stand der Abbau der frustrationsbasierten Aggression mithilfe aggressiver Handlungen im Mittelpunkt, die entweder als direkte, offene Verhaltensweisen oder indirekte Reaktionen (Vorstellungen, mediale Rezeptionen etc.) untersucht wurden. Für beides konnte eine Abnahme von Aggressionsmotivation durch die Realisierung aggressiver Handlungen gegenüber einer Frustrationsinstanz nachgewiesen werden. Die Abreaktion der emot. Spannung gelingt also durch das erfolgreiche Ausagieren aggressiver Vergeltungsimpulse. Unter der Perspektive des ausagierenden Handelns gilt die K.these daher als außergewöhnlich gut bestätigt.

Diese Verengung auf die Handlungsperspektive des (aggressiven) Ausagierens entspricht allerdings eindeutig nicht dem rezeptionspsychol. Ausgangsansatz von Aristoteles. Deshalb hat die medienorientierte Rezeptionsforschung zunehmend theoretische und praktische Aufmerksamkeit erfahren. Zunächst wurde parallel zum aggressiven Ausagieren eine symbolische K. (Feshbach) beim Beobachten medialer Gewaltdarstellungen behauptet. Diese Hypothese konnte allerdings durch nachfolgende Untersuchungen nicht bestätigt werden; im Gegenteil wurde i. R. von Banduras sozial-kogn. Lerntheorie konsistent und konstant nachgewiesen, dass die Rezeption von Gewaltdarstellungen (Mediengewalt) per Beobachtungslernen zur Stimulation von aggressiver Motivation und Handlungsbereitschaft führt. Das gilt insbes., wenn die Aggression aus der Täterperspektive als erfolgreich dargestellt wird, wenn sie moralisch als gerechtfertigt erscheint bzw. aus der Opferperspektive Rache- und Vergeltungsgefühle nahegelegt werden. Unter der Perspektive der Rezeption medialer Gewaltdarstellungen gilt die K.these daher als widerlegt und überholt.

Die Uneinheitlichkeit der Befundlage hinsichtlich der Validität der K.these ist also zum einen auf die Handlungs- vs. Rezeptionsperspektive zurückzuführen. Zum anderen liegt gleichzeitig eine Verengung auf das Aggressionsproblem vor, während das K.konzept prinzipiell auch für Emotionen wie Enttäuschung, Schuld, Scham, Angst, Feigheit, Neid, Feindlichkeit etc. gelten soll. Deren Einbeziehung wäre v. a. durch den Purifikationspol des K.konzepts möglich, der von der empirischen Forschung bisher weitestgehend vernachlässigt wurde. Hinweise auf die Fruchtbarkeit dieser Perspektive ergeben sich jedoch bereits aus den vorliegenden Ergebnissen der rezeptionspsychol. (Stimulations‑)Forschung. Wenn im Kontrast zu den stimulierenden Bedingungen die Aggression als ungerechtfertigt und instrumentell nicht erfolgreich dargestellt wird, die Opferperspektive mit Mileid und Solidarität verbunden wird (Berkowitz) etc., dann ist eine Hemmung aggressiver Impulse durch die Intensivierung moralischen Problembewusstseins die Folge. Dem hedonistischen Prinzip der Purgationsforschung mit ihrer latenten Rechtfertigung des Vergeltungsstrebens kann eine komplementäre Purifikationsforschung das moralische Prinzip mit dem Ziel einer reflexiven Weiterentwicklung des Individuums durch Furcht und Mitleid entgegenstellen. Das erfordert die Verbindung der für das K.konzept zentralen Rezeptionsperspektive mit kognitiven Emotionstheorien, entwicklungs- und klinisch-psychol. Ansätzen sowie qualitativen Methodenansätzen (Qualitative Sozialforschung) nicht nur der Labor-, sondern v. a. auch der Feldforschung. Auf diese Weise kann in Zukunft nicht nur eine Integration der Moral- und Ästhetikdimension von Medienverarbeitung erreicht, sondern auch das emanzipatorische Potenzial des K.konzepts ausgeschöpft werden.

Verwendete Literatur

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