Kognitive Wende

 

(= K. W.)[engl. cognitive revolution; lat. cognoscere erfahren, erkennen), [HIS, KOG]. Die K. W. bez. die Phase des Übergangs von einem behavioristischen (Behaviorismus) zu einem kogn.-psychol. (Kognition) oder sogar kognitivistischen Denken in der Ps. Die Verbreitung des Begriffs cognitive revolution geht auf William N. Dember zurück, der den Begriff im Titel eines Aufsatzes (1974) verwendete. Der Sachverhalt einer allg. Veränderung der theoret. Orientierung ist heute wenig bestritten. Der Begriff der K. W. ist daher weit verbreitet, jedoch besteht Uneinigkeit bzgl. der wichtigsten Gründe für die Wende und bzgl. der Datierung. Genannt werden die 50er-, 60er- und 70er-Jahre des 20. Jhd. Schon hieran lässt sich eine gewisse Unbestimmtheit des Begriffs erkennen.

Eine veränderte Sichtweise in der Ps. gepaart mit Kritik am Behaviorismus wurde durch versch. Personen und Gruppen bewirkt: Kritiker waren Gestaltpsychologen wie Max Wertheimer und Wolfgang Köhler, ebenso ihnen nahestehende Psychologen wie Kurt Lewin und Fritz Heider sowie der Wahrnehmungs- und Gedächtnispsychologe Ulric Neisser, der das erste Lehrbuch mit dem Titel Cognitive Psychology verfasste (1967). Ein weiterer Auslöser für ein Umdenken war die Kritik des Sprachpsychologen Noam Chomsky mit seiner umfangreichen Rezension des Buches Verbal Behavior (1957) von Burrhus Frederic Skinner (Chomsky, 1959). Schließlich ist die Handlungstheorie von George A. MillerEugene Galanter und Karl H. Pribram (1960) zu nennen. Sie machte deutlich, dass die K. W. vor allem für Entscheidungsverhalten (Entscheiden) und Lernen von wegweisender Bedeutung sei. Jerome S. Bruner gilt als der Psychologe, der erheblich zur K. W. im Bereich der Entwicklungspsychologie und Erziehungstheorie beigetragen hat (Bruner, 1964). Von beträchtlicher Wirkung für ein Umdenken in der Entwicklungsps. war die Rezeption der Theorie der kogn. Entwicklung von Jean Piaget (Entwicklung, Stufentheorie nach Piaget).

Die Argumentation der Kritiker betraf vor allem das verengte Menschenbild des Behaviorismus und dessen Begrenzung auf menschliches Verhalten als Reaktion auf Stimuli (Konditionierung). Kritik fand auch die Einengung auf das Laborexperiment und insbes. das im Behaviorismus dominierende Tierexperiment. Allerdings waren manche Kritikpunkte nicht neu, denn selbst einige Behavioristen hatten früher Revisionen des Klassischen Behaviorismus vorgetragen. Bsp.haft lassen sich Edward Chace Tolman und Karl Spencer Lashley nennen (Eckardt, 2010, 146 f.). Auch hatte der Begriff der Kognition lange vor der K. W. Bedeutung in der Ps., ablesbar an Darstellungen der Ps. in frühen Lehrbüchern (Hobbs & Chiesa, 2011).

Inzw. ist die K. W. ein Thema der ps.geschichtlichen Forschung geworden (Gardner, 1985). O’Donohue, Ferguson und Naugle (2003) untersuchten die tatsächlichen Veränderungen in der Ps. und fanden, dass diese keine wiss. Revolution und kein Paradigmenwechsel i. S. von Thomas Samuel Kuhn (Kuhn, 1967) darstellten, sondern am besten als soziokult. Phänomen verstanden werden können. Eine Bestätigung für diese These kann darin gesehen werden, dass es kult. Unterschiede in der Entwicklung der Ps. als Wiss. gab. So hat es eine Vorherrschaft des Behaviorismus praktisch nur in den USA gegeben. Da in Europa, bes. im dt. Sprachbereich, andere Ansätze dominierten und der Behaviorismus hier erst spät und nur kurzzeitig eine nennenswerte Anhängerschaft fand, kann hier nur bedingt von «Wende» oder gar von «Revolution» i.S. von Kuhn gesprochen werden (Graumann, 1988). Gleichwohl ist durch die kogn. Ps. eine neue Sichtweise in die Ps. gelangt: Der Bezug zu KybernetikKünstlicher Intelligenz und die zw.zeitliche Entwicklung einer Vielzahl einzelner kogn. Theorien zur Erklärung menschlichen Handelns können der K. W. zugerechnet werden. Die Verhaltenstherapie ist unter dem Einfluss kogn.-psychol. Ansätze zu einer kogn. Verhaltenstherapie erweitert worden. Durch die zeitlichen Überlagerungen dieser Veränderungen ist eine genaue Datierung der K. W. in der Ps. nicht möglich. Der Wandel der Ps. als Gebiet und Disziplin ist aber gegeben und u. a. im veränderten Fachverständnis führender Psychologen zu erkennen und an deren Biographien abzulesen (z. B. Miller, 2003). Der Begriff der K. W. ist heute in der Ps. verbreitet als Schlagwort, nicht nur i. e. S. zur Kennzeichnung des Ggs. zum Behaviorismus, sondern als Begriff zur Beschreibung einer kogn. Orientierung der Ps. insges. Krise der Psychologie.

Referenzen und vertiefende Literatur

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