Konsistenztheorie des psychischen Geschehens

 

(= K.) [lat. consistere feststehen], [KLI], ein von Grawe (2005) entwickeltes Rahmenmodell, das die theoretisch begründete Fallkonzeption und Planung eines Therapiekonzepts ermöglicht. Es soll die klientenspezif. Gestaltung der Behandlung bzw. die zielgerichtete Auswahl therap. Methoden unterstützen. Gemäß der Cognitive-experiential Self Theory von Epstein (1990) werden vier Grundbedürfnisse postuliert (s. Abb.), die die psych. Aktivität des Organismus bedingen: Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle, Bedürfnis nach Bindung, Bedürfnis nach Lustgewinn/Unlustvermeidung, Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung/-schutz. Der zentrale Begriff der Konsistenz bez. die Übereinstimmung/Vereinbarkeit der simultan ablaufenden neuronalen bzw. psych. Prozesse innerhalb eines Organismus. Die K. unterscheidet zwei Unterformen der Inkonsistenz: Diskordanz liegt vor, wenn zwei oder mehrere unvereinbare motivationale Tendenzen bedeutsam sind, Inkongruenz liegt vor, wenn die realen Erfahrungen und die motivationalen Ziele diskrepant sind. Entsteht Inkonsistenz, so setzen innerpsych. bzw. organismische Regulationsprozesse ein, die den Zustand der Konsistenz wiederherstellen (sollen). Die Konsistenzregulation wird wesentlich durch Motive und Ziele des Organismus mitbestimmt. Sie wird durch motivationale Schemata (Annäherungs- und Vermeidungsziele; Motivationstheorien) ausgelöst, die das situative Erleben und Verhalten bestimmen. Eine zufriedenstellende Konsistenzherstellung ist zudem von der Verfügbarkeit und der Anwendung funktionaler Verhaltensweisen sowie Handlungsergebniserwartungen abhängig. Diese sind in starkem Maße durch die Lerngeschichte des Organismus geprägt. Führt das Verhalten nicht zur Herstellung der Konsistenz, so entstehen neg. Emotionen und der neg. empfundene Zustand der Inkonsistenz bleibt erhalten bzw. wird ggf. verstärkt. Da das Streben nach Auflösung oder Vermeidung von Inkongruenz (als wichtigste Form der Inkonsistenz) die zentrale Bedingung für psych. Funktionieren dastellt, kann eine lang andauernde, bedeutsame Inkongruenz bzw. Inkonsistenz als zentrale Ursache für psych. Störungen angenommen werden. Diese werden als dysfunktionale neuronale Erregungsmusters aufgefasst, die durch wiederholte neuronale Bahnungsprozesse entstehen. Psych. Störungen gehen i. d. R. mit Defiziten in der Befriedigung aller vier Grundbedürfnsise einher. Zentrale Wirkfaktoren der Psychotherapie sind nach der K. die Reduktion der wichtigsten Inkongruenzquellen und Bedürfnis befriedigende Erfahrungen. Diese können insbes. durch auf Ziele und Motivationen des Pat. abgestimmte Beziehungsgestaltung (Therapiebeziehung), Ressourcenaktivierung sowie Unterstützung und Induktion von selbstwertförderlichen Erfahrungen, die pos. Kontrollüberzeugungen und Handlungsergebniserwartungen (i. S. einer funktionalen Kongruenz motivationaler Ziele und Wahrnehmungen) fördern, therap. unterstützt werden.

Referenzen und vertiefende Literatur

Sie sind schon registriert? Zur Anmeldung
Erstellen Sie einen Account um das komplette Literaturverzeichnis einzusehen.