Konversationsanalyse

 

(= K.) [engl. conversation analysis (CA); lat. con- zusammen, versari sich etw. zuwenden], syn. Gesprächsanalyse, [FSE, SOZ], ist ein Oberbegriff für linguistische Analyseansätze, die mit versch. Schwerpunktsetzungen gesprächsanalytische Auswertungsperspektiven verfolgen (Kallmeyer & Schütze, 1976, Bergmann, 1988). Die Entwicklung der K., wie sie gerade auch in den Sozialwissenschaften ihre breite Anwendung findet, geht u. a. auf Harold Garfinkel und sein Programm der Ethnomethodologie zurück, die auf einer Kritik des Handlungskonzepts von Talcott Parsons beruht, dem Garfinkel – aufbauend auf Alfred Schütz (Fremdverstehen) – einen phänomenologischen Entwurf entgegensetzte (Sozialphänomenologie). Die Etablierung als Disziplin verdankt die K. dann vor allem Harvey Sacks, Emanuel Schegloff und Gail Jefferson (Goodwinn & Heritage, 1990). Die K. stellt eine best. Betrachtung der sprachlichen Interaktion dar, d. h. eine best. Anschauung dessen, wie sich «Sprache» und «sprachliche Verständigung» im Prozess ihres Vollzugs selbst herstellt (Indexikalität). Die K. fokussiert dabei gesprochene Sprache, die sie im Ggs. zu Noam Chomsky und Ferdinand de Saussure bspw. nicht als defizitär betrachtet, sondern als die relevante Ressource der praktischen Konstruktion des Sozialen (Sozialkonstruktivismus). Die K. ist eine mikrostrukturelle, sprachlich-kommunikative Analysemethode, die vor allem das Ziel hat, kommunikative Basisregeln und sprachpragmatische Strategien offenzulegen, über die es Kommunizierenden gelingt, sich miteinander zu verständigen (Kommunikation). Dies erfolgt darüber, dass die K. die situationsspezifischen sprachlichen Handlungen in natürlichen Gesprächssituationen von Kommunikanten untersucht. Die Gesprächsanalyse fragt somit weniger nach dem Was und dem Warum in der Kommunikation zw. Interaktanten, sondern vielmehr nach dem Wie und dem Wozu. So untersucht sie z. B., wie Kommunikanten Sprecherwechsel organisieren, wer das Recht hat, wann zu reden, welche sprachpragmatischen Intentionen Kommunizierende einander anzeigen, wie sie diese jew. subj. verstehen und dadurch ein Gespräch überhaupt erst herstellen und welche Auswirkungen diese Aspekte auf die Konstitution von Rollen- und Machtverhältnissen in der Kommunikation haben. Die K. fokussiert somit insbes. auf drei Analyseebenen: (1) die der sprachpragmatischen Interaktion, (2) der syntaktisch-grammatikalischen Wahlen und (3) der wortsemantischen Felder in den Versprachlichungen. Ein «konversationsanalytisches Auge» ist damit im Prinzip für alle Analyseverfahren in der Qualitativen Sozialforschung notwendig (Deppermann, 2001), eben überall dort, wo mittels reaktiver Verfahren – wie z. B. Qualitative (Leitfaden-)Interviews – forscherische Wirklichkeit interaktiv hergestellt wird: Denn jede Interviewkommunikation stellt eine Interaktion zw. den Kommunikanten dar, die selbst wiederum Einfluss auf die gemeinsame Datengenerierung (Textproduktion) hat. Und diesen Einfluss gilt es meth. zu kontrollieren (Prinzip der Reflexivität). Die K. hat in diesem Zusammenhang drei relevante Feinanalysemethodiken entwickelt: die Sequenzanalyse (Analyse der emergenten Herstellung sprachlicher Verständigung), die Interaktionsanalyse (z. B. turn-taking) und die funktionale Analyse (sprachpragmatische Analyse: «wie» und «wozu»).

Referenzen und vertiefende Literatur

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