Kunstpsychologie

 

(= K.) [engl. art psychology], einerseits Teilgebiet der Kulturpsychologie, andererseits der Systematischen Kunstwissenschaft. Die allg. K. gliedert sich in die Ps. des künstlerischen Erlebens und Verhaltens (von Kunstschaffenden, Interpreten und Kunstkonsumenten), der künstlerischen Persönlichkeit (und Umwelt i. w. S.) und des Kunstwerks. Die K. erforscht die auch für die spez. K. (Musikpsychologie, Literaturpsychologie, Ps. der Bildenden Kunst, des Tanzes usw.) maßgeblichen Erscheinungsformen, Bedingungen und Gesetzlichkeiten.

Historisch geht die K. auf Fechner zurück, der einer phil.-spekulativen «Ästhetik von oben» eine empirische «Ästhetik von unten» entgegenstellte, die sich unter der Bez. «exp. Ästhetik» bis in die Gegenwart erhalten hat. Während die «Ps. der Kunst» genannten phil.-ästhetischen Meditationen über Kunst und Kunstwerk von Malraux (1957) außerhalb der wiss. Ps. anzusiedeln sind, greift die an die Allg. Kunstwissenschaft angelehnte ps. Betrachtung vielfach auf antithetisch-polare oder genetisch-gestufte Begriffsprägungen (linear : malerisch; optisch : haptisch; Einfühlung : Abstraktion usw.) zurück und integriert sie in entwicklungs- oder persönlichkeitstypologische Erklärungsschemata (Winkler, 1949). Demgegenüber sucht die eher exp. orientierte K. unter Einbeziehung der wahrnehmungs- und motivationspsychol. Modellvorstellungen die Wirkungsphänomene und -bedingungen aufzuhellen. Dabei sind Verknüpfungen mit rezeptions- und informationsästhetischen Prinzipien (Moles, 1971) von Bedeutung.

Die theoretischen Aspekte der K. sind v. a. aus Grundlagen und Ableitungen der Psychoanalyse, der Gestaltpsychologie, teilweise auch des Behaviorismus und der Informationstheorie gewonnen. Die psychol.-tiefenpsychol. Kunstbetrachtung geht auf Freud und Jung selbst zurück. Vorwiegend von den inhaltlichen Bezügen des Kunstschaffens und -erlebens ausgehend, versteht sie das Kunstwerk – analog der Traumdeutung – in seinem symbolischen Gehalt als Projektion von unbewussten Motiven und Konflikten, als Sublimierung von Triebwünschen in künstlerischem, d. h. gesellschaftlich gebilligtem Ausdruck oder als Gestaltung von archetypischen Grundmustern und -tendenzen. Sosehr diese Modellvorstellungen auch auf die moderne Kunst selbst wirken, stellt die Vernachlässigung nicht nur des Formaspekts, sondern auch des Kognitiven eine merkliche Verkürzung der Interpretation dar. Gestaltps. Auffassungen werden in der K. auf der Grundlage der (vormals Berliner) Gestalttheorie, bes. von Arnheim (1977, 1978), der (vormals Leipziger) Ganzheitspsychologie von Wellek (1955, 1963) zur Geltung gebracht. Das Künstlerische erschließt sich danach in seinem formalen Aspekt durch die Organisationsprinzipien der Wahrnehmung (Gestaltgesetze), in seinem Bedeutungsaspekt von den Ausdrucks- und Anmutungsqualitäten (Anmutung) her und in seinem Entwicklungsaspekt als wechselseitiger Differenzierungs- und Präzisierungsprozess von Erlebnis- und Gestaltungsphänomenen. Der Beitrag des Behaviorismus zur K. bleibt auf Studien des Kunsterlebnisses als Bevorzugungs- und Geschmacksurteil oder auf solche über physiol. Reaktionen auf Kunstwerke beschränkt. Weiterführend hat Berlyne (1974) versucht, eine Klärung des Verhältnisses von Kunsterlebnis und Erregung bzw. Neugier und Explorationsverhalten i. S. der Theorie der Aktivation herbeizuführen, wobei er auch informationstheoretische Gesichtspunkte für die Bestimmung der ästhetischen Reaktion heranzieht. Die Informationstheorie ermöglicht gegenüber den sonst oft nur vagen Beschreibungen von ästhetischen Strukturen und Stilen die genauere quant. Kategorisierung der Reizkonstellationen, -abläufe und -entwicklungen, definiert in Konzepten z. B. des informativen Inhalts, der Redundanz und des Überraschungswertes. Die Einseitigkeit dieser aus unterschiedlichen theoret. Systemen abgeleiteten Entwürfe einer K. versuchen Kreitler & Kreitler, 1980 durch den Aufbau einer integrativen, von allgemeinsten Übereinstimmungen (wie homöostatisches Verhaltensmodell; Spannungs- und Erregungsänderung bei jedem Kunsterlebnis) ausgehenden Ps. des Kunsterlebnisses zu überwinden.

In der Vergleichenden K. ist die gestaltende Tätigkeit im Umkreis des Psychopathologischen und geistig Abnormen am häufigsten untersucht worden, doch richtet sich das Interesse gelegentlich auch auf Fragestellungen ethnologischer Art (Ethnologie), in seltenen Fällen auf solche der Tierps. und Verhaltensforschung.

Referenzen und vertiefende Literatur

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