Leichte Sprache

 

(= LS) [engl. easy to read], [KOG], ist eine Sprachvariante, die darauf abzielt, mit zahlreichen syntaktischen, sprachlichen und typographischen Mitteln (z. B. kurze Sätze, nur eine Aussage pro Satz, keine Passivsätze, kein Konjunktiv, kein Genitiv, keine abstrakten Wörter, keine Fremdwörter) möglichst verständliche, an den Bedürfnissen der Adressaten orientierte Texte zu erzeugen. Im Vordergrund stehen spez. Adressatengruppen, nämlich Menschen mit kogn. Beeinträchtigungen sowie solche, denen das Lesen und Schreiben Schwierigkeiten bereitet (z. B. Migranten, Dt.lernende, funktionale Analphabeten oder gering literalisierte Personen). Die Funktion von LS besteht darin, Menschen, denen aufgrund solcher Probleme der Zugang zu relevanten gesellschaftlichen Bereichen verschlossen ist, die Teilhabe an der modernen Informations- und Kommunikationsgesellschaft zu ermöglichen (Bock et al., 2017). Es handelt sich bei LS also um eine Form der barrierefreien Kommunikation, mit der die soziale, politische und kult. Inklusion von Menschen mit Benachteiligung erreicht werden soll.

Ursprünglich geht das Konzept LS auf die in den 1970er-Jahren in den USA gegründeten Organisation People First zurück. Es ist in vielen europ. Ländern aufgegriffen worden, wobei Schweden eine Vorreiterrolle einnimmt. In Dt. kümmert sich das Netzwerk Leichte Sprache seit 2006 um die Entwicklung und Verbreitung des Konzepts [www.leichte-sprache.de] und hat mittlerweile ein Regelwerk zur LS entwickelt, das Sprachregeln, Rechtschreibregeln, Regeln zu Textinhalten und Regeln zu Typografie und Mediengebrauch enthält. Das Regelwerk hat weite Verbreitung in Politik und Verwaltung gefunden, was nicht zuletzt auch durch das Behindertengleichstellungsgesetz von 2016 forciert wurde. Diese Regeln basieren auf den Bedürfnissen und Erfahrungen der Praxis und weichen teilweise deutlich vor der Standardsprache ab. Insofern unterscheidet sich LS von dem verwandten Konzept der einfachen Sprache, die komplexer, nicht regelbasiert und näher an der Standardsprache ist. Für LS ist die Befolgung fester Regeln über Textsorten- und Adressatengruppen hinweg hingegen charakteristisch (Bock et al., 2017).

Die empirische Überprüfung der Wirksamkeit der LS-Regelwerke steckt noch weitgehend in den Anfängen. Hier kann und sollte die Forschung zu LS auf die theoret. Modelle und die reichhaltige empirisch-psychol. Forschung zum Textverstehen der letzten 50 Jahre zurückgreifen (Christmann, 2017; Textverständlichkeit). Denn bereits jetzt wird an den wenigen vorliegenden Studien deutlich, dass die  Prinzipien der LS die Verstehens-Möglichkeiten der Rezipienten sowohl unter- als auch überschreiten können. Negierte Sätze und Passivkonstruktionen, die nach LS zu vermeiden sind, erschweren das Verstehen auch bei Personen mit Lernschwierigkeiten nicht notwendigerweise, während das umgekehrt bei einer LS-gerechten Typographie durchaus der Fall sein kann (Bock et al., 2017). Das verdeutlicht, dass LS-Regeln adressatenorientiert flexibel angewandt werden sollten, dass eine Überprüfung der adressatenspezif. Effizienz von LS-Prinzipien zwingend notwendig ist und dass dabei das Vorwissen, die Art der Beeinträchtigung, die Textsorte und die Verstehensaufgabe einzubeziehen sind.

Kritisch ist auch, ob das emanzipatorische Ziel der Inklusion durch eine rigorose Verwendung von LS erreichbar ist (Zurstrassen, 2017). Die Tendenz zur Vereinfachung auf allen Sprachebenen führt zu einer reduzierten Sprache mit geringem Ansehen und kann eine Stigmatisierung der Sprachbenutzer nach sich ziehen. Daraus resultiert auf Dauer u. U. eher eine Ex- als Inklusion, zumal bei einem stark reduzierten Sprachangebot auch keine Verbesserung des Lesens mehr stattfinden kann (Bock et al., 2017). Psychol. ist daher auch für LS keine max., sondern eine mittlere Verständlichkeit anzustreben, weil dadurch für die Mehrheit einer Adressatengruppe Lernzuwächse möglich und erreichbar werden.

Referenzen und vertiefende Literatur

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