Leistungsangst

 

(= L.) [engl. test anxiety], [EM, PER, PÄD], stellt eine spezif. Form von Angst dar, wobei die soziale Identität und der Selbstwert (Selbstwertgefühl) als bedroht erlebt wird. L. manifestiert sich in (sozialen) Bewertungssituationen insbes. in expliziten Prüfungssituationen und wird dann als Prüfungsangst bezeichnet. Im Englischen wird nicht zw. L. und Prüfungsangst [engl. test anxiety] unterschieden. L. kann sich auch zum überdauernden Persönlichkeitsmerkmal (Ängstlichkeit) entwickeln, das sich darin zeigt, in Bewertungssituationen überdurchschnittlich häufig und intensiv mit Angst zu reagieren. Bei einer hoch leistungsängstlichen Person kann L. in jeder Situation auftreten, in der sie glaubt, durch andere bewertet werden zu können. Ihre Gedanken kreisen dann oft um antizipierte Scham im Falle eines Versagens.

L. ist demnach eine situationsgebundene Angst (State-Angst), die durch drei Komponenten beschrieben werden kann: Die physiol. Komponente zeigt sich in einer gesteigerten Erregung des autonomen Nervensystems mit Schwitzen und einer Erhöhung des Herzschlags und der Atemfrequenz. Die kogn. Komponente von L. zeigt sich zum einen in der subj. Wahrnehmung der körperlichen Erregungsmerkmale (Aufgeregtheit, emotionality) und zum anderen in Besorgniskognitionen (Besorgtheit, worriness), die um die Folgen eines Versagens oder um soziale Vergleichsprozesse kreisen. Diese Gedanken interferieren mit Gedanken, die eigentlich zur Lösung der gestellten Anforderungen erforderlich sind. Auf diese Weise beeinträchtigen insbes. die Besorgniskognitionen die Leistungsfähigkeit. Der Verhaltensaspekt von L. zeigt sich vor allem bei hoch Leistungsängstlichen in der Vorbereitungsphase auf Prüfungen. Sie neigen dazu, die Vorbereitung auf die Prüfung ungebührlich aufzuschieben und dann relativ unstrukturiert und planlos vorzugehen. Trotz dieser beeinträchtigenden Wirkungen ist das Ausmaß von L. nur mäßig neg. mit den tatsächlichen Prüfungsleistungen korreliert. Dies wird zum einen mit Selbstselektionseffekten in der Schullaufbahn als auch mit kompensatorischen Bemühungen erklärt, dass sich hoch Leistungsängstliche trotz ihrer Unstrukturiertheit vergleichsweise viel mit dem Prüfungsstoff befassen und die Prüfer die Prüfungssituationen möglichst stressarm zu gestalten versuchen.

Zur Erklärung der Aktualgenese von L. wird der Coping-Ansatz herangezogen. Danach kommt es auf die subj. Einschätzung der Situation durch die Person an, inwiefern sie glaubt, die Anforderungen der Situation mit ihren Fähigkeiten bewältigen zu können und welche Stressverarbeitungsstrategien (Stressbewältigung) ihr bei Nichtbewältigung zur Verfügung stehen. Eine inadäquate Einschätzung der tatsächlichen Bedrohung sowie der eigenen Bewältigungsmöglichkeiten und Konsequenzen eines Versagens tragen zur Aufrechterhaltung von L. bei. Als Ursachen für eine hohe dispositionelle L. sind vor allem überzogene Leistungserwartungen von Eltern oder Lehrpersonen an das Kind in Verbindung mit geringer Einfühlung in den Stress, den das Kind aufgrund der (schulischen) Anforderungen erlebt, identifiziert worden. Aber auch ein generell strafender oder zurückweisender Erziehungsstil in Leistungssituationen sind Prädiktoren von L. Des Weiteren können auch leistungsängstliche Familienmitglieder als Imitationsmodelle (Beobachtungslernen) wirken.

Für die Diagnostik von L. hat sich der Selbsteinschätzungsfragebogen State-Trait-Anxiety-Inventory (STAI) bewährt, in dt. Version als TAI-G bezeichnet. Er beinhaltet neben der Subskala Aufgeregtheit und Besorgtheit auch Skalen zur mangelnden Zuversicht und Interferenz. Zur Individualdiagnostik ist allerdings das Differentielle-Leistungsangst-Inventar (DAI). Denn es erfragt nicht nur die Angsterscheinungen, sondern auch die Faktoren der Angstauslösung, Angstverarbeitung und Angststabilisierung. Aufgrund dessen kann die Behandlung von L. besser auf die indiv. Voraussetzungen abgestimmt werden. Die Interventionen, die bei starker Prüfungsangst erfolgreich sind, sind auch bei der Behandlung von starker L. wirksam.

Verwendete Literatur

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