Lernen, motorisches

 

(= m. L.) [engl. motoric learning; lat. movere bewegen], [BIO, KOG], bezieht sich auf die Fähigkeit eines Individuums, sich die für eine best. Bewegung (Bewegungssteuerung) charakteristischen zeitlichen und räumlichen Muster sowie deren Abfolge anzueignen, sodass deren Ausführung zunehmend durch vorprogrammierbare Prozesse charakterisiert ist. M. L. setzt weiterhin die Fähigkeit voraus, aus einer Vielzahl möglicher Bewegungen diejenigen auszusuchen, die von einer best. Situation gefordert werden (conditional motor learning), sowie eine Bewegung einer neuen externen Situation anzupassen (motor adaptation). M. L. bezieht sich somit nicht auf einen einheitlichen Prozess, sondern setzt sich aus versch. Teilbereichen unterschiedlicher Komplexität zus. Das Spektrum erstreckt sich von einfachem klass. Konditionieren (Konditionierung, klassische), Habituation und motorischer Adaptation über zunehmend komplexere Bewegungssubroutinen bis hin zu virtuosen Fertigkeiten wie dem perfekten Spielen eines Musikinstruments oder der meisterhaften Körperbeherrschung eines Olympia-Sportlers. M. L. stellt einen Teilbereich prozeduralen Lernens dar und wird somit als implizit (implizites Lernen) definiert. Dies bedeutet, dass beim L. in inzidenziellen Situationen trotz eines nachweisbaren Leistungszuwachses kein bewusster Zugriff auf die vorangegangenen Phasen des Erwerbs möglich ist. In best. Versuchsanordnungen (serial reaction time task) konnten jedoch auch deklarative Anteile im Sequenzlernen nachgewiesen werden.

Der Erwerb einer m. Leistung kann in unterschiedliche Phasen aufgeteilt werden. Die Leistungen im frühen Lernstadium sind durch eine große Variabilität charakterisiert und unterliegen ausgeprägter visueller Kontrolle. Die mühsamen, ungeschickten Bewegungen, die man in der frühen Phase des L. beobachten kann, werden nach ausreichender Übung zunehmend unabhängig vom externen sensorischen Feedback. Hierdurch wird eine Steigerung der Geschwindigkeit und Genauigkeit bei gleichzeitiger Reduktion der Variabilität erreicht. Schließlich können die Bewegungen unabhängig von einer kontinuierlichen sensorischen Detailkontrolle unter einer groben sensorischen Ganzfeldkontrolle ausgeführt werden. Diese prädiktive Komponente sollte im Zusammenhang mit der präzisen Determination zeitlicher Sequenzen gesehen werden, insbes. bei komplexen seriellen motorischen Bewegungen. Es liegt nahe, dass die Loslösung von der Notwendigkeit einer kontinuierlichen sensorischen Detailkontrolle ein entscheidendes Kriterium ist, dass eine Bewegung zunehmend schneller ausgeführt wird. Das Erlernen einer neuen m. Fertigkeit impliziert, dass die für den komplexen Bewegungsablauf charakteristischen Einzelkomponenten gespeichert und abgerufen werden können. Diese Fähigkeit wurde als segmentales m. L. (segmental motor learning) bezeichnet. Um eine erfolgreiche Strategie zu erlernen, muss ein Individuum zunächst wissen, was es tun soll (recognition learning), bevor es geschickten Gebrauch von Bewegungstaktiken machen kann, die festlegen, wie diese Strategie durchgeführt werden soll (skill learning).

Im Verlauf des m. L. werden diskontinuierliche Bewegungen durch kontinuierliche ersetzt. Das Erlernen kontinuierlicher Bewegungen impliziert ein optimales Planen von Anfang und Endziel einer Bewegung, d. h. einer Programmierung von simultanen Beschleunigungen und Abbremsungen, sodass die Bewegungen ohne Korrekturen aufeinander folgen können. Sobald dieser Grad an Geschicklichkeit erreicht wird, kann das Individuum somit Bewegungen exakt planen und die Unterprogramme korrekt aufeinander abstimmen. Das Geschwindigkeitsprofil stellt sich glockenförmig und kontinuierlich mit allenfalls min. Unterbrechungen dar. Überlernte und automatisierte Sequenzen schneller Bewegungen werden vom Individuum unter höchster zeitlicher und räumlicher Koordination durchgeführt. Auf mentaler Ebene erfolgt die Konzeptbildung. Die Konzeptinformation und das Erfassen kontextspezif. Handlungsabläufe sind eine wichtige Voraussetzung für die konkrete Auswahl der Bewegungen (Bewegungsselektion). Weitere wichtige Kriterien für eine adäquate Bewegungsausführung sind die zeitliche Organisation bei der Sequenzierung von Bewegungen, die Koordination synergistischer Muskelaktivitäten, eine korrekte Interpretation des eigenen Körperschemas sowie die Anpassung an die biomechanischen Gegebenheiten.

Charakteristika unterschiedlicher Lernstadien: Der Prozess des m. L. kann in drei Stadien eingeteilt werden: (1) Initiales Lernen (Integration sensorischer Information): Das m. L. der Anfangsphase ist gekennzeichnet durch die bewusste Aufmerksamkeit und die absolute Notwendigkeit sensorischer Rückkopplung. Beim Lernen nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum muss zunächst das Korrelat von m. und sensorischer Information herausgefunden werden. Dies erfordert die bewusste Entscheidung der Selektion der Bewegungen sowie die Aneignung des bewussten Wissens von sensorischer und motorischer Information. Hingegen ist dies nicht notwendig, wenn die Pbn die Bewegungssequenz genau kennen, diese aber noch ungeübt ist (z. B. bei Vorgabe einer best. Fingersequenz) oder beim impliziten m.L.

(2) Intermediäres Stadium (Verfestigung der sensomotorischen Kopplung): Mit zunehmender Einübung verfestigt sich die intern errichtete – zunächst noch provisorische – sensomotorische Kopplung; die Bewegungen werden vertrauter und sensorisches Feedback verliert an Bedeutung für die Bewegungsausführung. Gleichzeitig verursachen Trainingseffekte aber auch eine Verbesserung der motorischen Komponente, d. h. dass die Bewegungen schneller und präziser ausgeführt und weniger Fehler gemacht werden. Dementsprechend ist das Aktivierungsmuster dieser Phase gekennzeichnet durch abnehmende Aktivität – vorwiegend in Regionen, die für die sensorische Aufmerksamkeit kodieren –, andererseits aber auch durch einen geschwindigkeitsbedingten Aktivitätsanstieg, vor allem in motorisch-assoziierten Regionen.

(3) Konsolidierungsstadium (Speicherung der Kopplung): Schließlich können die Bewegungen unabhängig von einer kontinuierlichen sensorischen Detailkontrolle unter einer groben sensorischen Ganzfeldkontrolle ausgeführt werden. Diese prädiktive Komponente sollte im Zusammenhang mit der präzisen Determination zeitlicher Sequenzen gesehen werden, insbes. bei komplexen seriellen m. Bewegungen. Es liegt nahe, dass die Loslösung von der Notwendigkeit einer kontinuierlichen sensorischen Detailkontrolle ein entscheidendes Kriterium ist, dass eine Bewegung zunehmend schneller ausgeführt wird. Überlernte und automatisierte Sequenzen schneller Bewegungen werden vom Individuum unter höchster zeitlicher und räumlicher Koordination durchgeführt. Ein typisches Bsp. hierfür sind musikalische Fertigkeiten wie das Spielen auf einem Klavier, wobei ansteigend komplexe Subroutinen von Bewegungsmustern benötigt werden. Derartige höchst komplexe Sequenzierungen erfordern eine genaue zeitliche Adjustierung.

Effektivität von Lernstrategien: Learning by doing ist die effektivste Methode, um eine neue motorische Aufgabe zu meistern. Aber auch das Beobachten einer korrekt ausgeführten Handlung (Spiegelneurone) kann erheblich zum Lernerfolg beitragen. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass m. L. durch Bewegungsbeobachtung (Beobachtungslernen) zu einem größeren Lernerfolg beiträgt als das mentale Vorstellen des Handlungsablaufs (motor imagery). Aber letztendlich ist es das eigenständige Üben des Bewegungsablaufs, das den größten Erfolg bringt.

Referenzen und vertiefende Literatur

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