Lesen

 

(= L.) [engl. reading], [KOG], bez. die Fähigkeit, visuelle Informationen aus grafischen Zeichenfolgen zu entnehmen und deren Bedeutung zu verstehen. Interdisziplinär besteht Einigkeit, dass L. kein passiver Rezeptionsvorgang, sondern ein aktiver Prozess der Bedeutungskonstruktion ist, bei dem die Leser die Textinformation mit ihrem Vor- wie Weltwissen verbinden. Die L.forschung hat in der empir.-experimentellen Psychologie eine lange Tradition. Bereits Ende des 19. Jhd. hat sie sich mit der Analyse von Blickbewegungen beim L. beschäftigt. Im Zuge steigender Qualifikationsanforderungen der modernen Gesellschaft stand zu Beginn des 20. Jhd. die Frage nach den Lesefähigkeiten im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Das betrifft zum einen die L.erziehung (L.lehrmethoden und Frühl.) und zum anderen das L.verständnis. Induktiv wurden in dieser Ära vier Faktoren des L.verständnisses identifiziert (1. Kenntnis der Wortbedeutung; 2. Schlussfolgerungen des Lesers qua Sinnverstehen; 3. Nachvollzug der Textstruktur; 4. Identifizierung der Text-/Autorintention), die später durch die kognitionspsychol. Forschung bestätigt wurden.

In der akt. kognitionspsychol. L.forschung wird der L.prozess nach der Komplexität der beteiligten Teilprozesse in mehrere hierarchisch gestufte Ebenen aufgegliedert. Hierarchieniedrige Teilprozesse sind dabei: Buchstaben- und Worterkennung; die Erfassung der Wortbedeutung (lexikalischer Zugriff); syntaktische (Syntax) und semantische (Semantik) Analyse von Wortfolgen und Sätzen. Hierarchiehohe Teilprozesse reichen vom satzübergreifenden Aufbau einer kohärenten Textstruktur über die Verbindung mit dem Vorwissen (Bildung eines Situationsmodells) bis hin zum Erkennen rhetorischer Strategien und der Bewertung des Gelesenen. Die vorliegenden Theorien und Modelle lassen sich danach unterscheiden, wie sie das Zus.spiel dieser Teilprozesse modellieren. Während datengesteuerte Modelle davon ausgehen, dass die Teilprozesse aufsteigend von unten nach oben durchlaufen werden, postulieren konzeptgesteuerte Modelle, dass der L.prozess auf allen Ebenen durch höhere kogn. Teilsysteme (z. B. Erwartungen, Vor- und Weltwissen) gesteuert wird. Eine Integration leisten die sog. interaktiven Modelle, die ein Ineinandergreifen von daten- und konzeptgesteuerten Prozessen postulieren. Die vielfältigen empirischen Befunde zeigen allerdings, dass in Abhängigkeit von Bedingungen der L.situation und -aufgabe sowohl datengesteuerte als auch konzeptgeleitete und interaktive Teilprozesse auftreten können. Dabei stellen personale Faktoren (z. B. inhaltliches Vorwissen, Arbeitsgedächtniskapazität, Textstruktur- und L.strategiewissen, L.ziele, L.motivation und -interesse, Einstellung), Textmerkmale (z. B. Inhaltsorganisation und -strukturierung, motivationale Stimulanz (Motivation), sprachliche Einfachheit, Textgenre) sowie L.anforderungen (z. B. verstehendes, kritisches, reflexives und involviertes L.) relevante Moderatorvariablen dar. Zur Erklärung interindiv. Unterschiede in der L.fähigkeit haben sich bei den personalen Faktoren insbes. ein schneller und sicherer lexikalischer Zugriff sowie eine schnelle phonologische Rekodierung (Graphem-Phonem-Übersetzung) als zentral erwiesen.

Die kognitionspsychol. Modelle des L. sind bisher hauptsächlich an Sach- und Informationstexten überprüft worden. Allerdings sind sie auch auf das L. literarischer Texte anwendbar, da die grundlegenden Prozesse gleich sind. Unterschiede liegen in der Akzentuierung der Anforderungen. Während es beim L. von Sachtexten darauf ankommt, einen kogn. Rahmen aufzubauen, die Textinformation mit dem Vorwissen zu verbinden, den Text zu durchdringen und zu bewerten sowie ggf. Handlungskompetenzen zu erwerben, sind beim L. von literarischen Texten Genrewissen, Rezeptionseinstellungen, Unsicherheitstoleranz (Polyvalenzkonzept), sprachliche Sensibilität und Genussfähigkeit gefragt. Alexie, Legasthenie, Lesen, Methoden zur Erfassung, Lesekompetenz, Lesesozialisation.

Verwendete Literatur

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