Literaturpsychologie

 

(= L.) [engl. psychology of literature], Sammelbegriff für ps. Arbeiten im Zusammenhang mit (vor allem) fiktionalen Texten; entspr. der prozessualen Abfolge von Produktion bis Rezeption unterteilbar in Autor-, Werk-, Leserps. Historisch steht die Autorps. mit der Ausrichtung auf den Produzenten und Produktionsprozess am Anfang. Bis heute nachwirkende Resonanz findet die Genie-Irrsinn-These des 19. Jhd. (Lombroso), die in Verbindung mit dem psychoanalytischen Neurosemodell zu einer ausgedehnten und ausufernden Tradition von Künstler-Pathografien geführt hat (Lange-Eichbaum). Nach dem Zweiten Weltkrieg überwindet die Ich-psychol. Weiterentwicklung der Psychoanalyse die Neurosethese, und die empirische Kreativitätsforschung (Kreativität) klärt die paradoxale Persönlichkeitsstruktur jenseits des Genialen und Krankhaften auf. Die Werkps. wird im 20. Jhd. zunächst lange von tiefenpsychol. Schulen (Psychoanalyse: Freud; Analytische Psychologie: Jung) dominiert, da sich von hier aus der größte Überschneidungsbereich mit der hermeneutischen Literaturinterpretation ergibt. Ab ca. 1970 kommen auch empirische Ansätze aus der linguistischen Stilistik und Psycholinguistik (bzgl. Geschichtengrammatiken) hinzu. Das Schwergewicht empir.-psychol. Textanalysen liegt aber auf nicht fiktionalen (Informations-)Texten.

Den umfangreichsten Forschungsbestand weist naturgemäß die auf die Domäne der Textrezeption und -verarbeitung ausgerichtete Leserps. auf. Seit der «Kognitiven Wende» (um 1970) ist die kogn. Konstruktivität der Informationsverarbeitung zunehmend auch für fiktional-literarische Texte untersucht und gesichert worden. Dabei geht es um den Aufbau mentaler (Text-)Modelle in Abhängigkeit v. a. von Personmerkmalen (Vorwissen, Arbeitsgedächtnis, Lesemotivation etc.) wie auch um die Lektürewirkung (auf Überzeugungswissen, Persönlichkeitsentwicklung etc.; vgl. auch die Ansätze der Biblio- und Poesietherapie). Methodologisch ergeben sich interdisziplinäre Synergien insbes. mit einer empirischen Literaturwissenschaft, inhaltlich in erster Linie mit der Lese- und Literaturdidaktik. Dadurch sieht sich die aktuelle L. immer mehr mit dem Anspruch konfrontiert, neben den kognitiven auch die emot.-motivationalen Dimensionen der Verarbeitung literarischer Texte aufzuklären.

Referenzen und vertiefende Literatur

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