Lokalisation

 

(= L.) [engl. localization; lat. locus Ort], [BIO, WA], ein Problemkreis der Gehirnpathologie und Neuropsychologie mit der Frage nach dem Ort psych. und sensorisch-motorischer Funktionen in der Hirnrinde. (1) Psychische Funktionen: Nach der klassischen Theorie des «engen Lokalisationismus» soll es außer den Arealen der Hirnrinde, die Empfindungs- oder Motorikfunktionen haben, auch spezif. begrenzte Kortexbereiche geben, in denen auch die höchsten psych. Funktionen (Sprechen, Schreiben, Rechnen, Vorstellen u. a.) lokalisiert sind und deren Verletzung zum Ausfall dieser Funktionen führe. So lokalisierte Gall Anfang des 19. Jhd. in der von ihm begründeten Wissenschaft Phrenologie umfangreiche seelische «Vermögen» in begrenzten Hirnzentren. Auch Broca sah in seiner Entdeckung des nach ihm benannten motorischen Sprachzentrums (Broca’sche Windung (Broca-Areal, -Region)) in der linken Hemisphäre einen Beleg für die Richtigkeit dieser Vorstellung. Begrenzte Verletzungen der Hirnrinde führen niemals zum «Ausfall» isolierter Funktionen, sondern zur Desorganisation eines ganzen Komplexes komplizierter psych. Tätigkeiten. Andererseits kann ein und dieselbe Funktion durch Verletzungen in versch. Hirnarealen gestört werden. Nach Luria ist zu unterscheiden zwischen Funktion als Tätigkeit eines Gewebes (z. B. Sekretion einer Drüse) und Funktion i. S. einer komplizierteren Systemfunktion wie z. B. dem Vorgang des Atmens oder Sprechens. Solche komplexeren funktionalen Systeme beruhen nämlich auf der gemeinsamen Arbeit eines ganzen Komplexes neuronaler Mechanismen, die sich auf weite Teile des Gehirns, auch auf subkortikale Bereiche, verteilen können. Jede der Komponenten dieses Komplexes liefert ihren spezif. Beitrag zur Realisierung des gesamten funktionalen Systems. So wird für den Prozess des Schreibens z. B. erforderlich: ein best. Tonus der Hirnrinde, der durch subkortikale Strukturen (Formatio reticularis) gesteuert wird, eine Analyse des Lautbestandes der zu schreibenden Wörter (ein Prozess, der im Hörzentrum des Temporallappens abläuft), die kinästhetische Analyse der Laute (zur Vorbereitung der Artikulation) im postzentralen kinästhetischen Kortex, Bereitstellung der räumlich organisierten Seh-Schemata der zu schreibenden Buchstaben im visuellen Scheitelabschnitt des Kortex sowie u. a. ein ständiges Umschalten der Bewegungsimpulse durch die prämotorischen Zonen der Rinde. Durch diese neueren Vorstellungen von der Systemlokalisation der psychol. Funktionen hat die neurops. Analyse lokaler Verletzungen des Gehirns als eine der wichtigsten Methoden zur Erforschung des Aufbaus ps. Prozesse entscheidende Bedeutung erlangt.

(2) Sensorisch-motorische Funktionen: Schon 1870 konnten Fritsch und Hitzig zeigen, dass durch elektrische Reizung der Großhirnrinde an vielen Stellen motorische Reaktionen ausgelöst werden können. Schrittweises Abtasten der Gehirnoberfläche erbrachte, dass die gesamte Körpermuskulatur in der motorischen Rinde jeder Seite doppelt repräsentiert ist. Dieses primäre motorische Feld, Ursprungsgebiet der Pyramidenbahnen, liegt beim Menschen in der Zentralwindung (gyrus praecentralis, Gehirn). Die versch. Körperregionen sind hier mit den Füßen oben und dem Gesicht am unteren Ende des Gyrus repräsentiert (Gehirn, Abb. 3). Eine ähnlich geartete Gliederung nach Körperbezirken findet sich für die sensorischen Funktionen in der hinteren Zentralwindung (sensorische Rinde, Gyrus postcentralis), wo die vom Thalamus zur Großhirnrinde aufsteigenden dritten Neuronen der Hinterstrangbahn und andere sensorische Fasern enden. Hier werden die präzisesten Diskriminationen ermöglicht. Bei Zerstörung dieser primär sensiblen Felder (Assoziationsfelder) kommt es zu erheblichen Ausfällen der Sensibilität in der Körpergegenseite. Da alle Sinne auch in mehr oder weniger großem Maße in den niedrigeren Zentren (z. B. Thalamus) repräsentiert sind, kommt es wohl noch zu Allgemeinempfindungen und zu Reflexen, aber die Erregungen gelangen nicht zum Bewusstsein (Rindenanästhesie). Wie hieraus schon ersichtlich, hat man in beiden Fällen bei der Beantwortung der Frage nach einer festen L. mit Luria (1970) zu beachten, dass, bildlich gesprochen, die in einem best. Hafen umgeschlagenen Waren nicht notwendig auch dort produziert werden müssen. L. von Erinnerungsbildern im Gedächtnis vgl. Müllers L.systeme.

(3) Die Fähigkeit, durch Hören (oder andere Sinnesinformationen) den Ort einer Schallquelle (eines Gegenstandes) im Raum festzustellen. Auditive L.: Die auditive L. und Raumorientierung erfolgt über die Wahrnehmung der min. Intensitätsunterschiede (1 dB) und Laufzeitunterschiede (bis zu 3 × 10–5 s), die beim Auftreffen eines Tonreizes zw. beiden Ohren bestehen, wobei bereits eine Abweichung der Schallquelle von 3° Raumwinkel von der Mittellinie wahrgenommen werden kann (Abb.). Die von beiden Ohren (binaurales Hören; räumliches Hören) aufgenommenen Schallinformationen werden als Aktionspotenzialfolgen schließlich zur primären Hörrinde weitergeleitet, wo sie von hoch spezialisierten Neuronen miteinander verglichen und zum zugehörigen Raumwinkel «verrechnet» werden. Außenohrübertragungsfunktion.

Verwendete Literatur

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