Massenpsychologie

 

(= M.) [engl. mass psychology], [SOZ], Forschungsbereich der Sozialps. über die ökologischen und psychol. Entstehungsbedingungen für Massen, das Verhalten des Einzelnen in Massen und über die Massen als Bedingungen für Persönlichkeitsmodifikation. Die sog. romanische M. (Le Bon, Tarde, Sighele) entstand vor der Sozialps. und kann z. T. als «Ausdruck … (der) Besorgnis um das Schicksal der kult. Werte in der Gesellschaft» (Sodhi, 1958) angesehen werden, zu einer Zeit, als ungeordnete revolutionäre Formen der noch unsicheren Demokratie erprobt wurden. Kroner (1972) sieht in ihr den Versuch, das Bürgertum vor dem Sozialismus zu bewahren. Die Masse, verstanden als formloser, knetbarer Teig, soll nach Le Bon indiv. Unterschiede nivellieren, die Mitglieder homogen aus irrationalen Antrieben regieren lassen, weil Nachahmung und Suggestion die entscheidenden Verhaltensmechanismen seien und weil der Einzelne anonym sei und Machtrausch oder Unverantwortlichkeit erlebe. Diese Auffassungen halten logischen und psychol. Analysen nicht stand, insbes. weil mit einem sehr weiten Begriff der «Masse» gearbeitet worden ist. «Mob» wird von E. A. Ross (1905) nicht im Ggs. zur Gesellschaft, sondern als unterste Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie gesehen, an deren Spitze die organisierte, strukturierte Gruppe steht. Damit wird die Überführung der M. in die Sozialps. begonnen.

In der experimentellen M. greift Moede (1920) die Behauptung auf, dass die Massensituation anregend auf die Anwesenden wirke, indem er den Einfluss (Einfluss, sozialer) des Nebeneinanderarbeitens in der Laborsituation auf die Leistungshöhe untersucht hat (Gruppeneffektivität). Er setzt so die Überführung der M. in die Erforschung der Gruppen fort. Außerdem entwickelt sich die empirische Forschung i. S. der oben für Masse gegebenen Def. Berichte darüber von Milgram & Toch (1969), systematisierend von Kroner (1972). Beschreibungen versch. Menschenansammlungen (crowds) und agierender Massen hinsichtlich ihrer Formen und rudimentären Strukturen, Polarisierung, Ökologie und Bewegung werden in der M. gegeben; die Art der Zusammensetzung der Massen, der Informationsfluss in den Massen (Gerücht) und die versch. Erklärungen der Massenphänomene sind einige ihrer wichtigsten Gegenstände. soziale Bewegung, kollektives Verhalten, crowding.

Referenzen und vertiefende Literatur

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