Menschenbilder

 

(= M.) [engl. assumptions about human nature, concepts of man, models of man], [PER, PHI, SOZ], die Gesamtheit der Annahmen, Einstellungen und Überzeugungen, was der Mensch von Natur aus ist, wie er in seinem sozialen und materiellen Umfeld lebt und welche Werte und Ziele sein Leben hat oder haben sollte – als Selbstbild (Selbstkonzept) und als Bild von anderen Personen oder von den Menschen i. Allg. Dieses M. wird von jedem Einzelnen entwickelt, enthält jedoch vieles, was auch für die Auffassungen anderer Personen oder größerer Gruppen und Gemeinschaften typisch ist: Traditionen der Kultur und Gesellschaft, Wertorientierungen und Antworten auf Grundfragen des Lebens. Viele der Ansichten werden sich wahrscheinlich auf einige fundamentale Überzeugungen von bes. persönlicher Gültigkeit zurückführen lassen: aus der Erziehung und der indiv. Lebenserfahrung entstandene persönliche Konstruktionen und Interpretationen der Welt.

Durch die Ideen und die Forschungen von Kopernikus und Galilei, Marx, Darwin und Freud sind viele der traditionellen, früher selbstverständlichen Anschauungen über den Menschen tiefgreifend verändert worden. Diese Revolutionen des Menschenbildes werden gelegentlich als Kränkungen des Menschen bez., weil sie die Sonderstellung der Erde im Kosmos und die Sonderstellung des Menschen in der Welt, als Geschöpf Gottes, als eine autonome, von der Gesellschaftsstruktur oder der eigenen Triebwelt weithin unabhängige, vernünftige und sittliche Person bezweifeln lassen. Wie gegensätzlich der Mensch bestimmt werden kann, hat Diemer (1978) mit charakteristischen Zitaten demonstriert: zoon politikon [griech. Lebewesen in der Gemeinschaft], animal rationale [lat. Tier mit Vernunft], homo faber [lat. Handwerker], homo ludens [lat. spielender Mensch], homo oeconomicus [lat. Wirtschaftsmensch].

Wie fundamental der Streit über die notwendige Erziehung, die wahre Religion, die gültige Philosophie oder die allein richtige Politik – und andere Überzeugungen – sein kann, lehrt der Lebensalltag. Zu den Grundüberzeugungen gehören oft der religiöse Glaube, der Glaube an Gott als den Schöpfer des Menschen und an dessen geistige Existenz nach dem biol. Tod (Unsterblichkeit der Seele), Annahmen über das Leib-Seele-Problem, Spiritualität, Willensfreiheit, Sinn des Lebens, Prinzipien der Ethik, soziale Verantwortung und Orientierung z. B. an christlichen, humanistischen, demokratischen Werten. M. sind als Abbilder und als mögliche Leitbilder zu verstehen wie die von bekannten Psychotherapeuten – Freud, Fromm, Frankl, Rogers oder Skinner – formulierten Ansichten. Im Unterschied zu solchen Konzepten, die oft nur ein best. Grundprinzip oder einen fundamentalen Ggs. behaupten, verlangt die Differentielle Psychologie eine breitere empirische Sicht auf die zahlreichen Facetten des M. Diese Annahmen über den Menschen bilden ein indiv. Muster mit Kernthemen und Randthemen. Psychol. betrachtet ist das M. eine subjektive Theorie, die einen wesentlichen Teil der persönlichen Alltagstheorien und Weltanschauung ausmacht.

Haben die eigenen M. der Fachps., ihre phil. (metaphysischen, religiösen) Annahmen über den Menschen, Konsequenzen für die Forschung und Berufspraxis? Lawrence A. Pervin zufolge lassen die Autoren von Lehrbüchern der Persönlichkeitspsychologie unvermeidlich eigene Überzeugungen erkennen. Seit der Auseinandersetzung um Freuds atheistisches und pessimistisches M. wird über die Orientierung des therap. Handelns diskutiert. M. können die Funktion von Leitbildern in versch. Lebensbereichen haben. Aber beeinflussen sie auch die Berufspraxis von Ärzten, Psychotherapeuten, Richtern?

Das indiv. M. kann in den Grundzügen durch strukturierte Interviews erfasst werden, einzelne Komponenten näherungsweise durch Fragebogen, u. a. zu den typischen Lebensformen und Wertorientierungen (Spranger, G. W. Allport), Werthaltungen (Value Survey von Rokeach), Dimensionen der menschlichen Natur (Hjelle & Ziegler), alltagsphil. Konzeptionen (Bottenberg & Schade), Fragebogen Philosophy of Human Nature PHN (Wrightsman), Soziale-Axiome-Skala (Leung et al.) sowie zahlreiche Einstellungsskalen in der Religionspsychologie. Bevölkerungsrepräsentative Umfragen erkunden nicht allein soziale und politische Einstellungen, sondern Werthaltungen, Sinnfragen und religiöse Überzeugungen (insbes. die «Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS)», deren Primärdaten vom GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften veröffentlicht werden. Interessante Forschungsansätze sind die kritischen Inhaltsanalysen von Lehrbüchern der Ps. und von Selbstdarstellungen bekannter Psychologen und Psychotherapeuten oder die Umfragen über die M. von Studienanfängern der Ps.

Verwendete Literatur

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