Merkmalsorientierte Inhaltsanalyse

 

(= M. I.) [engl. criteria-based content analysis], [RF], die M. I. wird i. R. der Glaubhaftigkeitsbegutachtung als Methode zur Feststellung der aussageimmanenten Qualität eingesetzt. Die M. I. dient der Überprüfung der Lügenhypothese, also der hypothetischen Annahme, bei einer Aussage handle es sich um eine absichtliche Falschaussage. Der Anwendung der M. I. liegen zwei Annahmen zugrunde: (1) Falsch Aussagende müssen ihre Aussage auf der Grundlage entspr. Schemawissens konstruieren und dürften es daher schwerer haben, Glaubhaftigkeitsmerkmale (Realkennzeichen, nicht motivationale Inhalte) in ihre Aussage einfließen zu lassen, die nicht Teil eines entspr. Schemas sind (primäre Täuschung). (2) Falsch Aussagende sind bemüht, einen kompetenten und moralisch makellosen Eindruck zu erzeugen, um sich selbst und ihre Aussage überzeugend zu präsentieren (Eindruckssteuerung, sekundäre Täuschung, Selbstdarstellung, Täuschungsstrategien) und vermeiden i. d. S. vermeintlich verräterische Äußerungen (motivationsbezogene Inhalte).

Aufgrund dieser Prozesse wird erwartet, dass erlebnisbegründete Aussagen im intraindiv. Vergleich eine höhere inhaltliche Qualität aufweisen als Erfindungen. Den beiden zugrunde liegenden Annahmen lassen sich nicht motivationale Inhalte und motivationsbezogene Inhalte zuordnen (Realkennzeichen). Treten diese in einer Aussage auf, spricht dies gegen die Annahme, dass eine aussagende Person darum bemüht ist, Schemawissen wider besseres Wissen als eigenes Erleben auszugeben. Den Umkehrschluss erlaubt die M. I. hingegen nicht, da eine geringe Aussagequalität versch. Ursachen haben kann, z. B. mangelnde Aussagebereitschaft oder erlebte Skepsis des Gegenübers (Othello-Fehler); eine gezielte Falschaussage ist nur eine mögliche Erklärung. Die M. I. ist somit einerseits keine Methode zur Aufdeckung von Täuschung, andererseits ergibt sich aus einer hohen Aussagequalität per se auch noch kein Hinweis auf einen Erlebnisbezug, da die Suggestionshypothese (Suggestion) mit Hilfe der M. I. nicht zurückgewiesen werden kann. Die Qualitätsbeurteilung mittels M. I. ist der Teilschritt des hypothesengeleiteten Prozesses der Glaubhaftigkeitsbegutachtung, bei dem die Frage zu beantworten ist, ob eine lügende Person mit ihren indiv. Voraussetzungen dazu in der Lage wäre, sich eine Aussage entspr. Qualität auszudenken (kogn. Aspekt der Falschaussage), und ob sie eine Falschbezichtigung in der vorliegenden Weise präsentieren würde (strategischer Aspekt der Falschaussage). Der Prozess der Beurteilung mittels M. I. erfordert eine Interpretation des Verhältnisses der Aussagequalität und der spezif. Kompetenzen und Erfahrungen der aussagenden Person sowie der Komplexität des Geschehens und der Befragungsbedingungen. Es handelt sich somit bei der M. I. nicht um einen i. S. einer Checkliste anwendbaren «Wahrheitstest».

Die erste Systematisierung inhaltlicher Glaubhaftigkeitsmerkmale vor dem Hintergrund der Annahmen zur kogn. Überforderung und strategischen Selbstpräsentation falsch Aussagender wurde von Steller & Köhnken (1989) vorgenommen, inzwischen war die M. I. in dieser Systematisierung Gegenstand zahlreicher empirischer Validitätsprüfungen, welche die von Steller (1989) als Undeutsch-Hypothese bezeichnete Annahme eines qual. Unterschieds zw. erlebnisbasierten und erfundenen Aussagen grundsätzlich stützen konnten.

Referenzen und vertiefende Literatur

Sie sind schon registriert? Zur Anmeldung
Erstellen Sie einen Account um das komplette Literaturverzeichnis einzusehen.