Minorität

 

(= M.) [engl. minority; lat. minoritas], [SOZ], M. (Minderheit) bezeichnet eine Gruppe, die (1) in der Zahl der Zugehörigen im Vergleich zu einer Majorität (Mehrheit) klein ist, (2) von der Majorität als minderwertig betrachtet wird, oder (3) von der Majorität abweichende Einstellungen vertritt. Eine M. wird in der Soziologie auch als Randgruppe bez. Die Mitglieder einer M. sind Individuen, deren soziale Identität wiederum durch ihre Gruppenzugehörigkeit best. wird. Aufgrund der großen Anzahl an Gruppen, die als M. zu bez. sind, gehört fast jedes Individuum einer M. an (z. B. vegan lebende Individuen, Frauen, Juniorprofessoren). Betont wird die eigene Zugehörigkeit zu einer M. i. d. R. nur dann, wenn die M. pos. bewertet wird. Bei neg. bewerteter M. wird die Zugehörigkeit hingegen häufig heruntergespielt oder gar verleugnet. Die eigene Zugehörigkeit zu einer pos. bewerteten M. wird subj. pos. bewertet als die Zugehörigkeit zu einer pos. bewerteten Majorität. Zur Frage, wie es eine M. schafft, sozialen Einfluss auszuüben und damit gesellschaftliche Innovation zu erreichen, kann die gegen Ende der 1970er Jahre von Moscovici formulierte Konversionstheorie angeführt werden. Erweiterungen dieser Theorie zeigten, dass die Auseinandersetzung mit der Position der M. divergentes Denken (vs. konvergentes Denken bei einer Majorität) auslöst. Der M. wird zugesprochen, direkten Einfluss auszuüben, wenn das Individuum sich mit ihr identifiziert und eine pos. Identität herstellen kann. Turner verzichtete in seiner Selbstkategorisierungstheorie auf eine Konfliktannahme und nahm an, dass die M. Teil der Eigengruppe sein muss, um sozialen Einfluss i. S. einer Konversion nach Moscovici auszuüben. Andere Ansätze beschreiben sozialen Einfluss von M. und Majorität als ein und denselben Prozess, wie z. B. im mathematischen Modell von Latané und Wolf, die den Einfluss primär als Funktion der Gruppengröße definierten. Die M. kann hiernach nur durch Kraft (z. B. Macht oder Status) die numerisch immer überlegene Majorität an Einfluss übertreffen. Im Konsens-Ansatz von Erb und Bohner gilt ebenfalls die numerische Größe (Konsens) als Schlüsselvariable. Hoher Konsens führt dabei zu konvergentem und niedriger Konsens zu divergentem Denken. Tendenzen, die Position der M. einzunehmen, finden sich dann, wenn sich das Individuum von der Masse abheben möchte.

Über eine M. bestehen häufig sehr änderungsresistente Stereotype, sodass den indiv. Gruppenmitgliedern aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit pauschal best. Eigenschaften zugeschrieben werden. Aufgrund der seltenen Begegnung mit Mitgliedern einer M. (kleines N) und der Tatsache, dass Individuen sich besser an neg. Ereignisse erinnern, kann eine illusorische Korrelation auftreten, die dazu führt, dass der M. verstärkt neg. Eigenschaften zugeschrieben werden. Gegenüber einer M. bestehen daher häufig neg. Vorurteile. In den 1960er Jahren wies Goodman Vorurteile auch bei Kleinkindern nach. Gemäß der Kontakthypothese können Individuen durch Begegnung mit Mitgliedern einer M. in den meisten Fällen Vorurteile abbauen. Der Effekt dieser Begegnung wird dabei durch die Gestaltung des Kontakts moderiert (z. B. Freiwilligkeit der Begegnung) und kann auch Vorurteile verstärken. Vorurteile gegenüber einer M. werden auf Verhaltensebene in der Ausübung von Diskriminierung sichtbar. In diesem Fall werden Mitglieder einer M. z. B. ausgegrenzt, ignoriert oder sogar tätlich angegriffen. Als Bsp. lassen sich die Benachteiligung von Frauen oder älteren Menschen im Berufsleben oder gewalttätige Handlungen gegenüber Ausländern oder Migranten anführen.

Referenzen und vertiefende Literatur

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