Motivation

 

(= M.) [engl. motivation; lat. movere bewegen], [EM], der Terminus M. wird für Prozesse benutzt, die das Setzen und Bewerten von Zielen betreffen. Motivationale Prozesse dominieren in der prädezisionalen und in der postaktionalen Handlungsphase, wie sie im Rubikonmodell der Handlungsphasen beschrieben werden. Es geht um die Frage, welche Ziele eine Person anstreben will und welchen Kriterien sie hierbei folgt. Es wird angenommen, dass Personen, die sich zw. versch. Zielen entscheiden müssen (Entscheiden), der Wünschbarkeit und Realisierbarkeit der verfügbaren Optionen starke Beachtung schenken (Gollwitzer, 2012). Klass. M.theorien halten an dieser engen Def. von M. in dem Sinne fest, als sie annehmen, dass die M. zu handeln ausschließlich durch die Wünschbarkeit des jew. angestrebten Ziels als auch durch seine wahrgenommene Realisierbarkeit bestimmt wird. Wenn eine Person der Meinung ist, dass sie die für die Zielerreichung erforderlichen Handlungen nicht bewältigen kann oder sie das ins Auge gefasste Ziel für nicht bes. wünschenswert hält, wird sie nicht motiviert sein, das Ziel auch wirklich anzustreben.

Der Begriff der M. sowie die M.forschung, die sich mit Annahmen über aktivierende und richtungsgebende Vorgänge, die für die Auswahl und Stärke der Aktualisierung von Verhaltenstendenzen bestimmend sind, befasst, haben eine lange Tradition. Als zentral kann dabei stets die Frage betrachtet werden, warum ein Mensch (oder Tier) sich unter best. Umständen auf eine best. Weise sowie mit einer best. Intensität (Durchsetzung und Beharrlichkeit) verhält.

Die geschichtlichen Wurzeln für die Auffassung der M. als (1) Gesamtheit der Motive oder (2) angeborene Antriebe (Trieb) oder (3) messbares, generalisiertes Aktivierungsniveau und Anreize (incentives) sind repräsentiert durch Leibniz bzw. Locke; der Organismus ist entweder mit zielgerichteter Aktivität ausgestattet, oder die Reaktionen des Organismus gehorchen mechanischen Gesetzen von Ursache und Wirkung, wobei zu den Ursachen des Verhaltens neben der Tendenz zum inneren Gleichgewicht (Beseitigung von Störreizen, Homöostase) der in der Erfahrung erworbene Hinweis-Modus (cue) der Reize (Stimuli) gehört.

Nach anfänglicher Vernachlässigung in der Psychophysik und Assoziationspsychologie wurde die M. in der dynamischen Ps., besonders durch den Einfluss von Darwin (Instinkt) und Freud (Trieb, psychoanalytisch, Libido, Es-Kräfte, meist unbewusst), zum zentralen Thema; vorher korr. Wundt die assoziationspsychol. Auffassung durch den Voluntarismus, d. h. den Hinweis auf die vom Wollen beherrschten apperzeptiven Akte (Apperzeption). In der Würzburger Schule wurde M. in Form der determinierenden Tendenzen, der in Wahlreaktionsexperimenten analysierten Willenshandlungen (N. K. Ach), der «Aufgabe» (Watt) und der Einstellung (O. Külpe, K. Bühler) behandelt.

Lewin kritisierte daran das vermeintliche Festhalten an assoziationspsychol. Grundannahmen (Zusammenhang zw. Reiz und Reaktion auch in der determinierenden Tendenz i. S. einer mechanischen Bindung) und betonte die im Verhalten wirksamen Kräfte und die unter Spannung stehenden Systeme. Der M.begriff i. S. von angeborenen Trieben wurde von Freud (um 1900), von McDougall (1908) und auch in der Instinktlehre der Tierps. benutzt, die allerdings mit dem psychohydraulischen Energiemodell den Pauschalbegriff durch differenziertere Vorstellungen ersetzten. Die mechanische Erklärung des Ursprungs der Energie und der Gerichtetheit des Verhaltens setzte in der modernen Wiss. bei J. Loeb ein, der in den  Tropismen die Grundlage auch der komplexeren zielgerichteten Verhaltensweisen sah, sowie bei den Reflexologen Bechterew, Pawlow und dem Behavioristen Watson, für die M. zunächst als überflüssiger Begriff galt.

In der phänomenalen Beschreibung motivierender Erlebnisse unterschied Lersch drei Aspekte der Strebungen: (1) Unbefriedigtsein mit dem gegenwärtigen Zustand (Bedürfnis, Mangel), (2) Antizipation (Fragen, Suchen), (3) Vorstellung des Ziels, das einen Wert verkörpert. Werte, Normen (Normen, soziale) und Attitüden (Einstellung) sind in der Sozialps. viel gebrauchte M.begriffe.

Die versch. psychol. Schulen haben unterschiedliche M.begriffe hinterlassen. So wird M. auch heute noch aufgefasst als: (1) Gesamtheit der Motive, die der Verwirklichung von Lebens-, Bedeutungs- und Sinnwerten dienen und damit die Thematik des indiv. Lebens enthalten (humanistische M.theorien), (2) best. aktionsspezif. Energien (oder Erregungszentren), die zum angeborenen Verhaltensprogramm der Organismen gehören (ethologische Triebtheorien), (3) automatisch eingeleitete Aktivierungsprozesse, die außer von den Umweltreizen (Stimuli) von Deprivation und inneren (organischen) Zuständen (Bedürfnissen (needs), Störung der Homöostase) abhängig sind (exakte naturalistische M.theorien), (4) kogn. Repräsentation von Zielzuständen, die erwünscht sind, weil ähnliche Zustände als angenehm erlebt wurden, ausgelöst durch Situationen (cues) und gefolgt von dem Erleben einer Diskrepanz zw. Ist- und Sollzustand (kognitivistische und kybernetische M.theorien), (5) Vermittlung von Gründen für ein best. Verhalten, also z. B. die Tätigkeit eines Lehrers, durch die ein Schüler i. S. von (1) aktiviert werden soll (Pädagogische Ps.).

Thematisch sind zu unterscheiden: (1) polythematische (z. T. hierarchisch aufgebaute Antriebe, Triebe, Bedürfnisse, Strebungen, die nicht weiter zurückgeführt werden können, in versch. Zahl), (2) monothematische (alle M. werden auf einen einzigen Grundantrieb, z. B. das Streben nach Lust, Macht oder Sexus zurückgeführt) oder (3) athematische M.lehren. In Letzteren werden indiv. differente Daseinsthematiken und Daseinstechniken (Thomae) angenommen, die dem Gesetz der funktionellen Autonomie (G. W. Allport) unterworfen sind. Die anthropologische Besinnung (Anthropologie), die zu dieser Einteilung der M.lehren geführt hat (Lersch), begann mit den phänomenologischen Analysen der M. durch Pfänder (um 1900). Hier gilt auch die begriffliche Unterscheidung von Zwecken und konkreten Zielen gegenüber den Motiven. Einer der ältesten monothematischen Ansätze ist der Hedonismus (Aristipp, Epikur), die Lehre, dass alles (auch das soziale) Verhalten auf möglichst großen Lustgewinn (bei Vermeidung von Unlust) ziele. Da der Hedonismus der Gegenwart (Troland) offenbar nicht haltbar ist (um Nettogewinn zu maximieren, müssen wir oft etwas tun, was wir nicht gern tun, und anderes lassen, was wir gern täten, Skinner, 1969), wird i. Allg. nur der Hedonismus der Vergangenheit und der Zukunft vertreten. Thorndikes Gesetz des Effekts ist Ausdruck des Hedonismus der Vergangenheit (man tut, was früher Lust brachte), und die Incentive-(Anreiz-)M.lehren können als Hedonismus der Zukunft bezeichnet werden. Im Behaviorismus wurde jedoch jede Form des psychol. Hedonismus als Erklärungsprinzip unbrauchbar. An seine Stelle traten die Überlebensmodelle, insbes. die Annahme, dass Wiederherstellung des physiol. Gleichgewichts das Überleben sichert. Die Verminderung der aus der Gleichgewichtsstörung resultierenden Spannung (Antriebsreduktion) soll die Wahrscheinlichkeit des Auftretens unmittelbar vorausgegangener Verhaltensweisen verstärken (reinforcement, Verstärkung). Die Erklärung der gesamten M. durch Rückgriff auf diese Defizit-Motivation (Antriebe vom «Mangel-Typ») macht die gleichen Schwierigkeiten wie der ursprüngliche Hedonismus.

Im Neobehaviorismus (Hull, SpenceBrown u. a.) werden folg. Kriterien für M.variablen angegeben: (1) aktivierende Bedingungen, wie z. B. Nahrungsentzug: durch den daraus entstehenden physiol. Zustand werden Reaktionstendenzen unterschiedlicher Art – je nach angeborener oder in der Lerngeschichte entstandener habit-Hierarchie – mit Energie versorgt; (2) aversive (widrige) Ereignisse: Aufhören der Bedingungen (oder Verminderung ihrer Intensität) wirkt als Verstärkung, Beginn als Bestrafung (z. B. elektrischer Schock); (3) attraktive Ereignisse: Beginn der Bedingung wirkt als Verstärkung, Aufhören (oder Verminderung) wirkt als Bestrafung; (4) die Erwartung solcher Ereignisse (erschlossen aus der Tatsache, dass gegenwärtige Bedingungen die obigen Eigenschaften nicht haben können). Ein altes, nie befriedigend gelöstes Problem war die Unterscheidung der angeborenen, primären Antriebe (oder Motive) von den erworbenen, sekundären Antrieben (oder Motiven). Trieb, Instinkt oder angeborene Tendenz (McDougall) wurden den kult. bedingten, in der Sozialisierung erworbenen Strebungen und Gesinnungen (McDougall: sentiments, Attitüden) gegenübergestellt. Lewin nennt das physiol. begründete Bedürfnis «objektiv» und den Vorsatz oder abgeleitete Motive «Quasibedürfnis». In der Nähe dieser theoretischen Überlegungen findet man Murrays Lehre von need und press (need, need-press). McClelland argumentierte, dass alle Motive, auch z. B. der Hunger, erlernt werden müssten, d. h. dass Assoziationen zw. Situationen und (erwünschten) Affektveränderungen nur in der Erfahrung entstünden.

Die psychoanalytische Auffassung über die Transformation der angeborenen Triebkraft (Libido) in den populär gewordenen, nach Körperöffnungen genannten Entwicklungsphasen bot eine andere Lösung des Problems der Interaktion von erblichen und Milieufaktoren an, die im weiteren klin. erfahren, aber aus prinzipiellen Gründen nicht exakt empirisch belegt werden konnte. Aus existenzialistischen Ansätzen folgen die versch. Selbstaktualisierungs- und Vervollkommnungslehren der M. (G. W. Allport, Rogers, Maslow). Bedürfnishierarchie. Maslow (1955) meint, dass neben der Defizit-Motivation (nach dem Homöostaseprinzip) eine von ihr unabhängige Wachstumsmotivation angenommen werden müsse: schöpferische Aktivität, Gestaltungs- und Erkenntnisstreben, Selbstaktualisierung, die allerdings auf Befriedigung der Defizit-M. angewiesen sind.

Die oben genannten beiden extremen Annahmen über die Art der Energie für das Verhalten – aktionsspezifische Triebe (Instinkte) gegen allg., unspezifischen Antrieb aus versch. Quellen mit erfahrungsabhängiger Steuerung durch latente Verhaltenstendenzen – wurde durch die Entdeckung der versch. Aktivierungszentren von einer vermittelnden Anschauung abgelöst. Einige Hirnstamm- und Zwischenhirnsysteme haben spezif. aktivierende, andere nur ganz allg. aktivierende Funktion (Hess). Das Problem des Zusammenhangs zw. physiol. Aktivierungssyndromen und offenem Verhalten entstand durch die Beobachtung, dass es Erregung (arousal) ohne Verhalten gibt und dass spezif. Erregungszustände zu versch.artigem Verhalten führen. Diesen Tatsachen wurden die Anreiz-M.theorien gerecht: Verhalten hängt außer von der Erregung und den Situationshinweisen entscheidend von der Erwartung best. Erfolge (Belohnungen, Verstärkungen) des Verhaltens in antizipierten Situationen ab (Rotter).

Entspr. modernere Forschungsansätze der kognitivistischen M.theoretiker trugen auch zur Erklärung der Entwicklung der Motive bei (Heckhausen, 1963, Weiner, 1972). Kagan (1972) sah das Zusammenspiel der versch. Quellen für relativ spezif. und für unspezifische Energie mit den richtungsgebenden Faktoren besonders differenziert. Er führte die Entwicklung der Motive (Leistung, Gesellung, Macht, Abhängigkeit, Pflege, Unterwerfung) zurück auf das primäre Motiv, Unsicherheit und Ungewissheit abzuwehren, und auf den Wunsch, die auf die Unsicherheit folg. affektive Beunruhigung zu vermindern. Ob die affektive Beunruhigung auftritt, hängt davon ab, ob die Quelle der Unsicherheit assimiliert werden kann; damit ist ein Zugang zur entwicklungspsychol. Behandlung der Motiventstehung gegeben: Die Fähigkeit zur Bewältigung von Unsicherheit wächst nicht nur mit der Erfahrung, sondern auch mit der Entwicklung kogn. Strukturen (Piaget), d. h. mit dem Gebrauch von komplizierteren Denkoperationen und mit der Erweiterung der Zeitperspektive. Die sensorischen Motive, d. h. das Angenehmsein best. Reizmuster (guter Geschmack, Aufhören von Schmerz, genitale Reize etc.), wurde somit zu einer primären M.klasse unter anderen, ebenso wie der Ärger, der Verdruss oder die Wut, die das primäre Motiv der Feindlichkeit ausmachen könnten, und das (primäre) Motiv der Vervollkommnung oder auch nur der Effektanz (White).

In der späteren M.forschung werden die M.begriffe (1) bis (4) z. T. unkritisch verwendet, was die Situation recht unübersichtlich macht. Der «humanistische» M.begriff (1) wird als Orientierungshilfe in den exakt naturalistischen Forschungen verwendet, indem einzelne M.arten (Leistung, Aggression, Altruismus, Neugier, Gesellung, Angst) als Sammelnamen für komplexe Prozesse übernommen und exp. analysiert werden. Da die homöostatischen Modelle der M., die ein Überleben des Hedonismus in kybernetischer Umformung ermöglichen, viele Fragen nach spezif. menschlichen Aktivitäten unbeantwortet lassen, wird in der kognitivistischen M.theorie auf die Aktivierung durch die Informationswerte der Stimuli hingewiesen und auf das optimale Aktivierungsniveau. Welche Reizmuster aktivieren, untersuchte Berlyne: Komplexität, Neuheit oder, nach Auffassung anderer Autoren im Anschluss an Hebb, Erwartungs-Ereignis-Diskrepanz. Die Unterscheidung zw. primären und sekundären Antrieben wird relativiert durch die Annahme, dass für die Entstehung aller Motive eine relevante Erfahrung notwendig sei, weil man lerne, in best. Situationen Änderungen der Affekte zu erwarten (McClelland, 1965, Dember, 1965). Durch neurophysiol. Forschungen (Olds u. a.) hat die Verstärker-Theorie der M. eine Stütze gefunden. Ein weiterer Schwerpunkt der M.forschung ist die neurophysiol. Analyse der Antriebe vom Hunger-Typ. Auch die ethologische Forschung ist durch die Auflösung des globalen Instinktbegriffs in einzelne physiol. Prozesse gekennzeichnet (Tinbergen, Leyhausen). Schließlich gibt es im kognitivistischen Ansatz die Auffassung, dass der M.begriff (insbes. Begriffe wie Antrieb und Trieb) durch neutrale Modelle, wie die zukünftige Zeitperspektive (z. B. Hoffnung auf Erfolg, Furcht vor Misserfolg), Antizipation, persönliche Konstrukte etc., zu ersetzen wären (Nuttin, 1980).

McClelland (1999, 1989) hat eine M.ps. entwickelt, in der ethologische und kognitivistische Perspektiven gleichermaßen berücksichtigt sind. Er unterscheidet biol. (implizite) und selbst zugeschriebene (explizite) Motivsysteme, die parallel arbeiten, aber voneinander unabhängig sein sollen. Erstere basieren auf genetischer Information (Genetik) und frühen vorsprachlichen Sozialisationserfahrungen und sind dem Erleben nicht zugänglich; letztere basieren auf späteren sozialen Lernerfahrungen (Lernen, soziales) nach der Zeit des Spracherwerbs (Sprachentwicklung) und sind im Bewusstsein repräsentiert. Das implizite Motivsystem dürfte eher um Motive als Affektdispositionen organisiert sein; das explizite System dürfte eher um kogn. (Kognition), das Selbst betreffende Schemata organisiert und an das semantische Repräsentationssystem der Sprache gebunden sein, womit sich erst die Möglichkeit intentionalen, folgenzentrierten Handelns eröffnet. Das implizite M.system enthält «natürliche» Auslöser i. S. angeborener Auslösemechanismen (Tinbergen, 1951) und steht mit operanten Verhaltenstendenzen in Verbindung, das explizite M.system enthält soziale Auslöser (z. B. einen Appell, eine Norm) und steht mit respondentem, situationsspezifischem Verhalten in Verbindung.

Verwendete Literatur

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