Nachahmung, Imitation

 

(= N.) [engl. imitation; lat. imitari nachahmen], [KOG], eine Handlung, mit der absichtlich oder unabsichtlich (mehr oder weniger genau) eine kurz vorher beobachtete Handlung (unmittelbare N.) oder eine vor längerer Zeit beobachtete Handlung (aufgeschobene N.) eines Vorbilds (Modell) ausgeführt wird. Eine besondere Form der N. ist der Carpenter-Effekt, die unwillkürliche N. von Bewegungen, Gesten und Gebärden. Beim Beobachtungslernen wird von Bandura und Walters die N. (1) als Prozess des Erwerbs und (2) als Leistung analysiert. Es wird angenommen, dass zum Erwerb keine Verstärkungen und folglich auch keine Ausführung der später nachgeahmten Handlung notwendig sei, sondern dass, ähnlich wie bei der  klassischen Konditionierung, die Assoziation von Stimuli ausreiche. Erst zur Ausführung der nachzuahmenden Handlung werden bei anderen wahrgenommene, selbst erhaltene oder erwartete Verstärkungen vorgenommen. Im Ggs. dazu hatten Dollard und Miller die N. als einen mehrstufigen Prozess beschrieben, in dem durch Zufall (Versuch und Irrtum) zustande gekommenes matching behavior (Verhalten, das dem des Vorbilds gleicht) belohnt werden musste. Die ökonomischeren lerntheoretischen Erklärungen lösen die ursprüngliche Annahme eines N.instinktes oder N.bedürfnisses ab. Auch die spekulative Voraussetzung für die N., die Identifikation mit dem Modell, wird von ihnen nicht mehr gefordert.

In behavioristischen Erklärungsversuchen (Behaviorismus) der Sprachentwicklung spielt N. eine ganz entscheidende Rolle. Nach Skinner (1957) werden verbale Formen durch einen Shaping-Prozess (shaping) noch ungeformter Vokalisationen mittels differenziellen Reinforcements (Belohnung) gelernt. Muss bei ihm die Steuerung nachzuahmender Formen über eine außenstehende Person erfolgen, so geht Mowrer (1960) in seiner Autismus-Theorie des Spracherwerbs davon aus, dass ein Kind ein vom Erwachsenen ausgesprochenes Wort deshalb nachahmt, weil ihm das Hören dieses Wortes autistische Befriedigung verleiht. Dies erklärt sich aus dem sekundären Belohnungswert (sekundärer Verstärker), der deshalb auf das Erwachsenen-Wort konditioniert wurde (bedingte Hemmung), weil es in einer angenehmen Situation als primäres Reinforcement ausgesprochen worden ist. Die Generalisation auf die vom Kind selbst hervorgebrachten und gehörten Laute hält damit den Nachahmungsprozess in Gang.

Kritik an diesen u. a. assoziativen Ansätzen wird von Vertretern der Hypothese-Theorien hervorgebracht (Miller & McNeill, 1969). Die Bedeutung der N. ist nicht in Zweifel zu ziehen, da ohne sie eine normale Entwicklung der perzeptiv-motorischen und der auditiven Funktionen nicht möglich wäre (Sprachstörungen). Sie genügt jedoch als alleiniges Erklärungsprinzip nicht, da das Kind tiefenstrukturelle sprachliche Relationen erwirbt (Tiefenstruktur), die nicht gesprochen werden und damit auch nicht gehört werden können. Paradigma der verzögerten NachahmungSpiegelneurone.

Verwendete Literatur

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