Narratives Interview

 

(= N. I.) [engl. narrative interviews; lat. narrare erzählen], [DIA, EM, FSE, PER], wurde als qual., offenes Interviewverfahren von dem Soziologen Fritz Schütze auf dem Hintergrund interaktionstheoretischer, erzähl- und konversationsanalytischer (Konversationsanalyse) sowie wissenssoziologischer Überlegungen konzipiert. Es zielt nicht auf die Überprüfung vorgegebener Hypothesen, sondern auf die Rekonstruktion von Wirklichkeitskonstruktionen und die Generierung von Theorien ab. Die Vorgehensweise dient der unrestringierten Hervorbringung von autobiografischen Stegreiferzählungen der interviewten Person und geht von einer Homologie zw. ihrer Erfahrungsaufschichtung und ihrer narrativen Rekonstruktion aus.

Nach einer narrationsgenerierenden, offenen und autobiografisch orientierten Eingangsfrage soll die erzählende Person sich ihrem Erinnerungsstrom und ihren eigenen Relevanzsetzungen überlassen; das entstehende Narrativ wird nur durch ermutigende Hörersignale ohne thematische Vertiefungen seitens des Interviewers unterstützt. Nach Beendigung der spontanen Narration werden in einer tangentialen Vertiefungsphase anknüpfenden Fragen an das Erzählte gestellt; in der abschließenden Bilanzierungsphase kann die interviewende Person auch nach Eigentheorien der erzählenden Person und weiteren mit der Forschungsfragestellung verknüpften Aspekten fragen.

Das N. I. hat als vielseitig einsetzbares wiss. Erhebungsverfahren v. a. im dt. Sprachraum einen großen interdisziplinären Einfluss gewonnen und ist zum Prototyp des offenen Interviews mit dem Ziel der erzählerischen Wiedergabe von Selbsterlebtem geworden. Sowohl hinsichtlich der Erhebungs- als auch der Analysemethode wurde es vielfach abgewandelt und an unterschiedliche Erkenntnisziele, Personengruppen und Erhebungssituationen angepasst.