Narzissmus, psychoanalytische Perspektive

 

(= N.) [engl. narcissism; gr. Νάρκισσος (Narkissos) Figur der gr. Mythologie], [KLI, PER], Narzissmus; systematisch von Freud (1914b) diskutierter Begriff von metapsych. Rang, dessen Grundzüge er bereits am 10. Nov. 1909 in einer Diskussionsbemerkung zus.fasste; der N. «sei keine vereinzelte Erscheinung, sondern eine notwendige Entwicklungsstufe des Übergangs vom Autoerotismus zur Objektliebe (Objektbesetzung). Die Verliebtheit in die eigene Person (= in die eigenen Genitalien) sei ein notwendiges Entwicklungsstadium» (Nunberg & Feder, 1977, 282). Neben (1) einer Phase der Libidoposition in der psych. Entwicklung (primärer N.) bez. der Begriff aber auch (2) eine sexuelle Perversion (der eigene Körper als Sexualobjekt), (3) einen Modus der Objektwahl (nach dem narzisstischen Typus), (4) das Schicksal einer aufgegebenen Objektwahl (sekundärer Narzissmus) und (5) Aspekte der Regulation des Selbstwertes (Selbstachtung, Selbstliebe) im Zus.hang mit dem Ich-Ideal, das narzisstischer Herkunft ist: gezwungen den primären N. zu verlassen, kann das Ich dennoch einen Teil der Libidoposition retten, indem es die idealen, grandiosen Bilder von Vollkommenheit und grenzenloser Liebe auf diese Instanz überträgt und nun – statt sich selbst – das eigene Ideal liebt. Neben der schillernden Bedeutungsvielfalt der Bez. ist Freuds Theorie des N. fragmentarisch und nicht frei von Widersprüchen (was u. a. daran liegt, dass sie dem topografischen Modell verhaftet blieb und nicht in die Strukturtheorie eingearbeitet wurde; Laplanche & Pontalis, 1972); moderne Weiterentwicklungen suchen u. a. die epistemologischen und genetischen Probleme zu lösen: Vorschläge wurden bspw. von M. Balint (primäre Objektliebe statt objektloser primärer Narzissmus), B. Grunberger (dialektische Verschränkung von N. und Trieb), Joffe und Sandlergemacht. Letztere unterscheiden zwei affektive Qualitäten im Psych.: Während Triebe mit Spannungszuständen und dem Wunsch nach Abfuhr verbunden sind, zeichnen sich narzisstische Zustände durch Gefühle des Wohlbehagens, der Ruhe und Harmonie aus, was Freud als ozeanisches Gefühl, als eine «unauflösbare Verbundenheit, der Zus.gehörigkeit mit dem Ganzen der Außenwelt» (Freud, 1930, 422) beschrieb. Argelander (1971) folgt dieser Einteilung und meint, der N. folge einem Sicherheitsprinzip (die Triebe dem Lustprinzip). Kohut kritisierte die den N. abwertende Gegenüberstellung zur Objektliebe als «einengend» für die klin. Praxis und trat für die Rehabilitierung des Begriffs ein, was schließlich in einer eigenen Selbstpsychologie mündete, die eine eigene, von den Trieben unabhängige, Entwicklung der narzisstischen Linie (Selbstobjekte) postulierte. Kohut hielt «die Entdeckung, dass bei den narzisstischen Persönlichkeitsstörungen der Zus.halt des Selbst unsicher ist», für «einen meiner wichtigsten Befunde» (Kohut, 1975, 252).

Referenzen und vertiefende Literatur

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