Nebenwirkungen

 

(= N.) [engl. adverse/secondary/side effect], [KLI, PHA], Wirkungen einer Therapie oder eines Medikamentes, die nicht die Hauptwirkung sind. Eine N. kann eine unerwünschte Wirkung oder eine weitere erwünschte Wirkung sein. Z. B. kann bei einer Depression mit sehr starker Gewichtsabnahme ein Medikament wie Miratazapin aus der Gruppe der Antidepressiva ausgewählt werden, das zusätzlich zur stimmungsaufhellenden Wirkung als antihistaminerge N. eine gewichtssteigernde Wirkung hat. N. der Psychopharmaka kommen dadurch zustande, dass diese nicht nur selektiv an den Rezeptor oder die molekulare Struktur binden, wo ihre Hauptwirkung ausgelöst wird, sondern auch eine Affinität zu anderen Strukturen haben. Dadurch wird die Signalübertragung von Neurotransmittern beeinflusst, die nicht zur Hauptwirkung beitragen; anticholinerg(isch)e Effekte eines Antidepressivums aus der Gruppe der Trizyklika können zu Mundtrockenheit, Verstopfung und kogn. Störungen führen, weil diese Medikamente nicht nur die für die antidepressive Wirkung notwendigen Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin beeinflussen, sondern auch an Rezeptoren für Acetylcholin binden und diese blockieren. Außerdem gibt es unterschiedliche Netzwerke im Nervensystem, die mit demselben Neurotransmitter arbeiten. Ein Psychopharmakon bindet aber auch in den Systemen an seine Zielstrukturen, die nicht beeinflusst werden sollen. Antipsychotika sollen bspw. im mesolimbisch-mesokortikalen System Dopamin-Rezeptoren blockieren, sie blockieren diese aber auch im nigrostriatalen und hypothalamisch-hypophysären System, sodass es als N. zu Störungen der Motorik und zu Milchfluss kommen kann. Geordnet nach dem für die N. verantwortlichen Neurotransmittersystem lassen sich u. a. folg. wichtige N. unterscheiden: (1) serotonerge N.: Übelkeit, Erbrechen, Sexualstörungen, (2) noradrenerge N.: Unruhe, Tremor, Tachykardie, (3) anticholinergische N.: kogn. Störungen, Mundtrockenheit, Verstopfung, Herzrhythmusstörungen, Miktionsstörungen (Harnverhalt), Akkomodationsstörungen, (4) antihistaminerge N.: Gewichtszunahme, Sedierung, (5) antiadrenerge N.: orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall mit Sturzgefahr), (6) antidopaminerge N.: motorische Störungen, Prolaktinanstieg, Milchfluss, Zyklus- und sexuelle Funktionsstörungen, Libidostörungen, Störungen der Thermoregulation.

Wie auch andere Medikamente können Psychopharmaka allergische Reaktionen auslösen oder im Immunsystem zu Veränderungen der Signalübertragung durch Zytokine führen. Diese Veränderungen können auch zur Hauptwirkung der Psychopharmaka beitragen. Clozapin führt bspw. zu Veränderungen im Zytokinsystem, die sowohl zu immunologischen N. wie Myokarditis und Blutbildungsstörungen beitragen, aber auch an der Hauptwirkung von Clozapin beteiligt sein könnten, indem sie das Ungleichgewicht von Typ-1- und Typ-2-Zytokinen, das bei Pat. mit Schizophrenie besteht, wieder ausgleichen (Psychoneuroimmunologie, störungsbezogene Aspekte). Hauptwirkungen und N. eines Medikamentes sowie die Mechanismen, die zu den Hauptwirkungen und N. führen, lassen sich also nicht klar trennen. N. können außerdem bewusst in der Therapie eingesetzt werden und sind nicht immer unerwünscht. Auch eine Psychotherapie kann N. haben, z. B. Symptomverschlechterung, zw.menschliche Konflikte, Trennung von Partner, Verlust des Arbeitsplatzes und Suizidalität. Gewichtszunahme unter Psychopharmaka, Knochenmarkschädigung unter Psychopharmaka, Leberfunktionsstörungen unter Psychopharmakotherapie, sexuelle Funktionsstörungen unter Psychopharmakotherapie, Osteoporose unter Psychopharmakotherapie, Psychopharmaka, Fahrtüchtigkeit, Psychopharmaka im Alter, Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter, Torsades des pointes.