Neuropsychoanalyse

 

(= N.) [engl. neuropsychoanalysis; gr. νεῦρον (neuron) Nerv], [BIO, KLI], interdisziplinäres Forschungsfeld, das zum Ziel hat, psychoanalytische (Psychoanalyse) und neurowiss. Studien (Neurophysiologie, Neuropsychologie, Neurowissenschaften, Kognitive) miteinander in Verbindung zu setzen. Neben der Konzeption und Durchführung von Studien im Bereich der Grundlagen- sowie der Wirksamkeitsforschung (Wirksamkeitsprüfung) widmet sich der neuropsychoanalyt. Ansatz dem wissenschaftstheoret. Diskurs, der im Spannungsfeld zw. den unterschiedlichen Forschungsfeldern entsteht (u. a. Koukkou et al., 1998, Northoff, 2011). Das Spannungsfeld der N. entzündet sich an der Leib-Seele-Problematik, die auch Freud in seinem posthum veröffentlichten Manuskript Entwurf einer Psychologie (1895) thematisierte. Da Freud zum einen postulierte, dass sich neurophysiol. Vorgänge in ihren psych. Ausprägungen in weitaus ertragreicherer Form manifestieren und ihm zum anderen die Mittel zur physiol. Untersuchung neuropsychol. Phänomene (neuropsychologische Diagnostik) in seiner Zeit fehlten, hatte sich Freud von seiner Sehnsucht verabschiedet, mit naturwiss. Methoden seiner Zeit psychoanalytische Thesen zu überprüfen. Er hat aber zeit seines Lebens die Hoffnung nicht aufgegeben, dass dies dank neuer Entwicklungen in den Neurowiss. zu einem späteren Zeitpunkt möglich sein würde. Der interdisziplinäre Dialog der N. wurde durch den Psychoanalytiker und Neurowissenschaftler Mark Solms intensiviert. Er gründete 1999 die Zeitschrift Neuropsychoanalysis und 2000 die International Neuropsychoanalysis Society. In seinem 2000 veröffentlichten Buch Neuro-Psychoanalyse stellt Solms Fallberichte von Pat. vor, die aufgrund unterschiedlicher hirnorganischer Schädigungen (Hirnschädigung, Gehirn), die dank der neuen bildgebenden Verfahren) genau lokalisiert werden können, Phänomene verändert wahrnehmen, die für die psychoanalytische Theorie von Interesse sind: Ein Kernphänomen betrifft z. B. die Unfähigkeit einer Gruppe von Pat., sich an Träume zu erinnern; mit dieser Beobachtung konnte Solms in der Debatte mit dem neurowiss. Forscher Allan Hobson vertreten, dass der REM-Schlaf (rapid eye movement) nicht mit dem Traum gleichgesetzt werden kann. V. a. zeigte er aufgrund verschiedenster Studien, dass der Traum, nicht wie Hobson dies behauptete, eine zufällige neokortikale Interpretation einer periodischen Stimulation von tieferen Hirnregionen, sondern sinnhafte seelische Prozesse darstellt. Die Schlaf- und Traumforschung stellt weiterhin einen zentralen Aspekt in den neuropsychoanalytischen Forschungsansätzen dar (z. B. am Sigmund-Freud-Institut Frankfurt). In den letzten Jahren wurde begonnen, mithilfe von bildgebenden Verfahren die Ergebnisse psychoanalytischer Behandlungen zu überprüfen (z. B. Buchheim et al., 2012). Weitere Forschungsansätze der N. beschäftigen sich mit konflikthaft assoziierten Gedächtnisprozessen, der Entwicklung von individualisierten und klin. relevanten exp. Stimuli, neuronalen Grundlagen von Verdrängungs- und Abwehrprozessen (Abwehrmechanismen des Ich), Entwicklungsprozessen (Entwicklung) und Mentalisierung sowie den Konzepten resting state und default mode network als Ich-Funktionen. Zudem greifen neurowiss. Forschungsrichtungen wie z. B. die affektiven Neurowiss. auf psychoanalyt. Konzepte zurück und berücksichtigen diese in ihren eigenen Forschungsfragen. Ebenso wie die Zeitschrift Neuropsychoanalysis widmet sich die Zeitschrift Frontiers in Psychoanalysis and Neuropsychoanalysis den oben genannten Forschungsrichtungen und Diskursen.

Referenzen und vertiefende Literatur

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