Neurose

 

(= N.) [engl. neurosis; gr. νεῦρον (neuron) Nerv], [KLI]heute im DSM-IV bzw. DSM-5 bzw. ICD-10 (Klassifikation psychischer Störungen) nicht mehr verwendeter (da diskriminierender) Begriff, von dem schottischen Arzt W. Cullen im Jahre 1776 eingeführt. Er verstand darunter eine Nervenkrankheit ohne anatomisch-pathologischen Befund. Der Umfang der damit gesammelten psych. Störungen wird von der theoretischen Position der Autoren best. Aus psychol. Sicht ist eine N. ein unbewusster Widerstand und die neurotischen Symptome lediglich Äußerungen psychodynamischer Konflikte. Dagegen werden von verhaltenstherap. orientierten Autoren die neurotischen Konflikte selbst in den Vordergrund gestellt und als gelernte Fehlsteuerungen interpretiert. Gemeinsam gilt ihnen eine N. als ein Nichtbewältigen fundamentaler Lebensaufgaben. Eine grundlegende Theorie der N. stammt von S. Freud (Psychoanalyse). Nach ihm ist die N. das Resultat einer unvollst. Verdrängung von Impulsen aus dem Es durch das Ich. Der verdrängte Impuls droht trotz der Verdrängung in das Bewusstsein und das Verhalten durchzubrechen. Zur erneuten Abwehr dieses Impulses wird das neurotische Symptom entwickelt, das einerseits eine Ersatzbefriedigung dieses Impulses, andererseits aber einen Versuch seiner endgültigen Beseitigung darstellt. Freud unterschied nach dem Kriterium der Dauer und Stärke des auslösenden Konfliktes sowie nach der Art seiner Verarbeitung: Die Aktualn. mit primär vegetativen Symptomen aufgrund starker, aber unspezif. Affektwirkungen auf das vegetative System im Zus.hang eines akt. Konfliktes. Hierzu zählen: (1) die Schreckn., (2) die Angstn., (3) die neurasthenischen Syndrome. Die Psychoneurosen (auch Abwehrpsychon.) mit psych. und somatischen Symptomen als Folge der unvollst. Verdrängung von inkompatiblen Triebimpulsen auf dem Hintergrund eines chronischen Triebkonfliktes. Hierzu zählen: (1) die hysterischen Syndrome (einschließlich Organn.), (2) die phobischen Syndrome, (3) die anankastischen Syndrome, (4) die Charaktern. Die traumatischen N. mit denselben Symptomen wie die Aktualn. und die Psychon., aber mit einer spezif. Genese (Auslösung durch Unfall) und mit einer spezif. Motivation (Sicherungstendenz). Man unterscheidet: (1) die primären Unfalln. und (2) die sekundären Renten-, Versicherungs- und Rechtsn. (oder auch Zweckn.).

J. H. Schultz versteht unter N. eine «im Unbewussten lagernde, seelisch begründete Fehlhaltung des gesamten Organismus, die entspr. der Verknüpfung des nervös-seelischen Faktors mit allen Lebensfunktionen sich nun auf sämtlichen Lebensgebieten äußern kann». Nach dem Kriterium der Tiefe der Verwurzelung des Konfliktes in der Persönlichkeit unterscheidet er: (1) exogene Fremdn. (von außen bedingt), (2) psychogene Randn. (durch somatopsych. Konflikte bedingt), (3) Schichtn. (durch innere seelische Konflikte entstanden), (4) Kernneurose (im Charakter und seinen autopsych. Konflikten wurzelnd). Für Schultz-Hencke entsteht die N. durch Traumen (Mikro-Traumen), die das Antriebsleben hemmen und übersteuern, gelegentlich auch untersteuern, d. h. zu hemmungslosen Triebausbrüchen führen. Nach C.G. Jung (Analytische Psychologie) ist N. eine Selbstentzweiung und gleichzeitig ein Signal für die Wiedervereinigung von Bewusstsein und Unbewusstem. A. Adler stellt die N. als ein Arrangement dar, das auf einer Überkompensation beruht. I. Pawlow bez. die N. als Störung des zerebralen Gleichgewichts. Nach J. Wolpe ist N. ein gelerntes emot. habit. Bei E. Eysenck wird die N. als gelernte Fehlanpassung dargestellt. In der ICD-10 und im DSM-IV (Klassifikation psychischer Störungen) wird der Oberbegriff N. nicht mehr benutzt. Nachfolgebegriff: Psychische Störung. Allerdings wird in der ICD-10 der Begriff neurotisch gelegentlich verwendet und auch für Oberklassen wie neurotische Belastungs- und somatoforme Störungen benutzt.

Verwendete Literatur

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