Ökologische Rationalität

 

(= ö. R.) [engl. ecological rationality; lat. ratio Vernunft], [KOG], ist ein funktionelles Verständnis von rationalem Verhalten, das die Passung zw. Kognition und Umwelt analysiert. Der Begriff steht i. Ggs. zu logischer Rationalität: der Auffassung, dass rationales Verhalten durch die Gesetze der Logik oder der Wahrscheinlichkeitstheorie beschrieben oder gar auf diese reduziert werden könnte, wie etwa in Piagets Theorie der kindlichen Entwicklung (Entwicklung, Stufentheorie nach Piaget) und in der Def. von sog. kogn. Illusionen als Abweichung von Gesetzen der Logik oder Wahrscheinlichkeitstheorie. Herbert Simon dagegen arbeitete mit dem Bild einer «Schere» als Analogie, wobei eine Schneide die Kognition und die andere die Umwelt ist. Wie bei einer Schere kommt es auf die Passung der beiden Schneiden an: Werden allein kogn. Prozesse analysiert, ist deren Funktionsweise oft schwer zu verstehen und sie erscheinen fehlerhaft. Egon Brunswik, J. J. Gibson, Roger Shepard und Leda Cosmides stehen für biol. inspirierte Psychologen, die rationales Verhalten in Relation zur Umwelt (statt zu logischen Prinzipien) untersuchen. Vernon Smith stellte den Begriff ecological rationality 2002 in den Titel seiner Nobelpreisrede.

Die Forschung zur ö. R. hat drei Ziele: die Analyse der kogn. Prozesse, der relevanten Umweltstrukturen und der Passung zw. beiden. Das erste Ziel ist deskriptiv und betrifft das Repertoire von Heuristiken und der zugrunde liegenden kogn. Kapazitäten eines Individuums, einer Gruppe oder einer Spezies (die adaptive toolbox). Heuristiken können bewusst oder unbewusst sein und in der Ontogenese oder Evolution erworben werden. Methoden zur Analyse der adaptive toolbox sind systematische Beobachtung und Experiment. Das zweite Ziel ist ebenfalls deskriptiv und betrifft die Identifikation relevanter Umweltstrukturen, wie des Grads der Vorhersagbarkeit, der Redundanz der Information und der Anzahl der Optionen. Das dritte Ziel ist normativ und betrifft die Herleitung von Aussagen über die Passung von Heuristiken (Ziel 1) und Umweltstrukturen (Ziel 2). In welcher Umwelt ist eine Heuristik (wie die Rekognitionsheuristik oder «imitiere deine Bezugsgruppe») erfolgreich und wo nicht? Dazu muss definiert werden, was mit Passung gemeint ist, z. B. die Genauigkeit von Vorhersagen. Methoden sind hier math. Beweis und Computersimulation. Das bias-variance dilemma ist ein allg. Ansatz zur Bestimmung der ö. R. von kogn. Strategien. Man kann daraus etwa ableiten, wann einfache Heuristiken, die einen Teil der Information ignorieren, genauere Urteile erlauben als komplexere kogn. Strategien. Dadurch kann man math. erklären, warum sog. «Weniger ist mehr»- (less-is-more) Effekte auftreten. Die Forschung zur ö. R. zeigt, dass kogn. Biases in einer unsicheren Welt nicht einfach Fehler, sondern für den Erfolg wesentlich sind.

Die Forschung zur ö. R. stellt und beantwortet also relationale Fragen der Art: Gegeben eine Umwelt und ein Kriterium, welche von mehreren Strategien (einschließlich Heuristiken) wird erfolgreicher sein? Gegeben eine Strategie und ein Kriterium, in welcher von mehreren Umwelten wird die Strategie erfolgreicher sein? Diese relationalen Fragen stehen i. Ggs. zu nicht ö. Auffassungen von R., nach denen angenommen wird, dass etwa die Bayes-Regel (Bayes-Theorem) oder die Maximierung des erwarteten Nutzens in allen Situationen rational sei, eine Analyse der Passung dabei gar nicht erst unternommen wird. Grundsätzlich analysiert die ö. R. die Passung von kogn. Prozessen unabhängig davon, ob diese im Laufe der Evolution entstanden ist oder nicht. Ein Sonderfall ist die evolutionäre R. (Adaptation), bei dem ein Verhalten als Adaptation durch Selektion entstanden ist. kognitive Fehler.

Referenzen und vertiefende Literatur

Sie sind schon registriert? Zur Anmeldung
Erstellen Sie einen Account um das komplette Literaturverzeichnis einzusehen.