Österreichische Schule, Grazer Schule

 

(= Ö. Sch.), [HIS, PHI], Bez. für die von Brentano ausgehende psychol. Richtung. Zu ihr gehören Autoren wie: Benussi, Cornelius, v. Ehrenfels, Mach, Meinong, Witasek u. a. Die Schule datiert seit der Gründung des ersten österreichischen Laboratoriums (1894) in Graz durch Meinong. Die gesamte Ö. Sch. zeichnete sich durch einen gewissen Antagonismus gegen den Elementarismus von Wundt aus. I. d. S. hebt Brentano die eigene Spontaneität des Seelischen gegenüber bloß passiver Abbildung der Reizsituation hervor. Nach ihm besteht das Eigentümliche des Seelischen in spontanen Akten. Machs sensualistischer Positivismus (Sensualismus) lässt ihn von der unmittelbar gegebenen Erfahrung ausgehen, die ihn zur Anerkennung psych. Gebilde (wie umfassendere Raum- und Zeitformen) gelangen lässt. Dieser Ansatz wurde von v. Ehrenfels in seiner Lehre von den Gestaltqualitäten (Ganzqualität) wesentlich schärfer formuliert. Eine solche Gestaltqualität ist z. B. eine Melodie. Sie entsteht nicht aus einer bloßen Kombination einzelner Töne, sondern ist etwas neu Hinzutretendes, zu dem die Elemente (Töne) lediglich die Grundlage abgeben. Nach ihm können Gestaltqualitäten ihrerseits wiederum als Elemente angesehen werden, als Fundamente für eine Gestaltqualität höherer Ordnung. Der v. Ehrenfels’sche Gedanke wurde von Meinong weitergeführt und fand in einer neuen Terminologie Ausdruck. Die einzelnen Elemente einer Gestaltwahrnehmung nannte er «fundierende Inhalte» und die Gestalten «fundierte Inhalte». Diese Formulierung ist auch unter dem Namen Produktionstheorie bekannt geworden und macht den hauptsächlichen Inhalt der Grazer Schule aus. Bedeutende Vertreter dieser Schule sind neben Meinong selbst seine Schüler Witasek und Benussi. Die Formulierungen v. Ehrenfels’ und der Grazer Schule unterscheiden sich von der Gestaltpsychologie wesentlich dadurch, dass Erstere ein Erhaltenbleiben der Elemente als solche postulieren, zu denen die Gestaltwahrnehmung unabhängig hinzutritt, und Letztere den Standpunkt vertritt, dass die Elemente völlig in der Gestalt aufgehen. Mach ist nicht in strengem Sinn zur Ö. Sch. zu zählen. Jedoch hat er, von einem konsequenten Atomismus der Empfindungen ausgehend (in seinem Buch Analyse der Empfindungen), das Problem aufgeworfen, ob es übergeordnete psych. Erscheinungen gebe.