Operationalismus, Operationismus

 

(= O.) [engl. operationalism; lat. operatio Bewerkstelligung, Bemühung], [HIS, PHI], eine in der amerik. Ps. aufgetretene Richtung, die weder an eine einzelne Schule gebunden noch selbst als solche zu bez. ist. O. geht von der Methode der operationalen Def. aus (Operationalisierung). Diese wurde 1927 durch den amerik. Physiker P. W. Bridgman angesichts der neuen Lage, in die die Physik nach Einsteins Relativitätstheorie geraten war, entwickelt (Theorien, physikalische). Brigdmans Vorschlag bestand darin, die Bedeutung theoretischer Begriffe durch Rückgriff auf die Operationen festzulegen. So ist der Begriff der Länge, bezogen z. B. auf einen Tisch, durch die Handhabung des Meterstabes eindeutig definiert. Ist «Länge» aber die Entfernung zw. zwei Sternen, dann bekommt der Begriff eine andere Bedeutung, weil andere Messoperationen notwendig sind (z. B. optische und math.). Diese Methode wurde von den amerikanischen Psychologen aufgegriffen. Besonders klärend scheint sich der O. auf die direkte Erforschung (Selbstbeobachtung) von Bewusstseinsdaten ausgewirkt zu haben, deren Zulässigkeit vielfach leidenschaftlich abgestritten worden war (Behaviorismus, objektive Psychologie). Hier war ein Ausweg dadurch gegeben, dass man anstelle des unmittelbar gegebenen (privaten) Erlebnisses einer Vp auf die kontrollierbaren Operationen zurückgriff, die zu einer beständigen Beziehung zw. Reizsituation und einer best. «unterscheidenden Reaktion» (discriminatory reaction) führten (z. B. Stevens, 1935). Auf ähnliche Weise wurden z. B. der bedingte Reflex und der Begriff der «intervenierenden Variablen» (intervening variables, Tolman; Variable, intervenierende) operational definiert (Skinner). Die beschriebenen Verfahren waren nicht immer neu, aber durch den O. erhielten sie eine gewisse erkenntistheoretische Rechtfertigung. Bes. versprach man sich vom O. eine Sicherung gegen «unklare, doppeldeutige und widersprüchliche» Vorstellungen, oder man schrieb einer operationistisch vorgehenden Ps. zu, Wissenschaft der Wissenschaften sein zu können (Boring, 1945, Bridgman, 1927).

Der Grundgedanke des O., theoret. Begriffe und Dispositionsbegriffe durch Aufnahme von (Mess-)Operationen in die Def. ohne Rückgriff auf Unbeobachtbares gewinnen zu können, hat sich wissenschaftstheoretisch schnell als unhaltbar erwiesen (Carnap, 1936). Der Kern dieser Einwände lautet, dass operationale Def. empirische Hypothesen enthalten (über den Zusammenhang der Operation mit ihrem Resultat oder über die Metrik ihres Anwendungsbereiches) und damit nicht mehr empir. leer sind. Für ihre logische Form, auch etwa als bedingte Def., folgt daraus, dass ihr Definiendum nicht mehr bei jedem Vorkommen durch ihr Definiens eliminierbar ist. Versucht man, den Hypothesengehalt operationaler Def. möglichst klein zu halten, so entsteht eine Inflation inkommensurabler Begriffe niedriger Allgemeinheit (in der Physik etwa müsste man schon dem Messen mit der Schublehre einen anderen Längenbegriff zuordnen als dem Messen mit dem Meterstab usw.). Die Abhilfe besteht in der theoriegeleiteten Bildung von Begriffen (z. T. als undefinierte Grundbegriffe oder durch implizite Def.) und deren partieller empirischer Interpretation durch die Messvorschriften. Die Angemessenheit und Brauchbarkeit der Messinstrumente ist jetzt eine empir. Prüfung zugängliche und bedürftige Frage, die sich nicht mehr durch Def. von selbst erledigt. Definition, Definition, operationale, Operationalisierung.

Verwendete Literatur

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