Parapsychologie

 

[engl. parapsychology; gr. παρα- (para-) neben], eine 1889 von dem Berliner Psychologen Max Dessoir eingeführte Bez. für die meth. und systematische Erforschung außergewöhnlicher menschlicher Erfahrungen, die in der Kulturgeschichte zwar immer berichtet werden, deren Existenz aber seit jeher umstritten ist (Driesch, 1952). Sie werden, je nach Denktradition, weltanschaulicher Ausrichtung oder anthropologischer Einbettung, auch als «übersinnlich», «übernatürlich», «okkult» oder «spirituell» bezeichnet (Müller, 2004). Darunter fallen populäre Phänomene wie Gedankenübertragung, «Zweites Gesicht», Wahrträume, Ahnungen, Prophetien, Spuk- und Geistererscheinungen (Bonin, 1976), die von den Betroffenen häufig als nicht alltäglich und emot. bes. bedeutsam eingestuft werden. Die historische Entwicklung der P. vollzieht sich über die Massenbewegung des Spiritismus seit Mitte des 19. Jh. über die 1882 erfolgte Gründung der Londoner Society for Psychical Research (SPR), der bedeutende Psychologen (z. B. Sigmund Freud, William James oder Carl Gustav Jung) und Naturwissenschaftler (z. B. William Barrett, William Crookes oder Oliver Lodge) angehörten, bis hin zur Etablierung paraps. Labors an vereinzelten Universitäten Anfang der 1930er Jahre (Beloff, 1993).

Die Spannbreite der von der P. untersuchten Erfahrungen ist breit: Darunter fallen in erster Linie die sog. Psi-Phänomene (Psi = vorletzter Buchstabe des gr. Alphabets), die traditionell in zwei Gruppen untersucht werden, einmal als Außersinnliche Wahrnehmung (ASW – extrasensory perception ESP), zum anderen als Psychokinese (PK) (älterer Begriff Telekinese) (Rhine & Pratt, 1962). Unter ASW werden folg. Phänomene gerechnet: Als Telepathie wird eine «direkte» Übertragung psych. Inhalte (z. B. Gefühle, Stimmungen, Gedanken) von einer Person auf eine andere ohne Beteiligung bekannter Kommunikationskanäle verstanden, unter Hellsehen die paranormale Erfassung «objektiver» Sachverhalte, die niemandem bekannt sind, unter Präkognition die paranormale Erfassung zukünftiger Vorgänge oder Sachverhalte, die rational nicht erschließbar sind und auch nicht als Folge des Vorauswissens auftreten dürfen. Unter PK wird die Frage untersucht, ob Menschen einen «direkten», d. h. nicht mechanischen «Einfluss» auf physikal. oder biol. Systeme ausüben können, und zwar außerhalb bisher bekannter naturwiss. Wechselwirkungen (Jahn & Dunne, 2006). Die Aufgabe der P. besteht letztlich darin, Erklärungsmöglichkeiten (z. B. Modelle) für behauptete «anomale» oder Psi-Phänomene zu finden, worunter in Einzelfällen auch herkömmliche (konventionelle) Erklärungen – z. B. in Form subj. Täuschungen – oder die Aufdeckung «natürlicher» Ursachen (einschließlich von Betrug) für ein behauptetes Psi-Phänomen fallen können. Die wiss. Auseinandersetzung mit paranormalen Phänomenen setzt also nicht die Annahme «übersinnlicher» Faktoren, Prozesse oder Kräfte voraus, die angeblich im Widerspruch zum jew. naturwiss. Weltbild stehen sollen.

Die P. verwendet die üblichen Forschungsmethoden der Sozial-, Kultur- und Naturwiss.: Dazu zählen Umfragen über die Verbreitung paranormaler Erlebnisberichte in der Bevölkerung sowie Interview- und Einzelfallstudien über die Art und Weise, wie solche außergewöhnlichen Erfahrungen psychol. und sozio-kult. verarbeitet oder kulturhistorisch interpretiert werden. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung gibt bei repräsentativen Umfragen an, paranormale Phänomene aus eigener Erfahrung zu kennen, wobei das Auftreten solcher Erfahrungen unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Bildung und Religion der Befragten ist (Bauer & Schetsche, 2003). Die Suche nach sozial-, persönlichkeits- und neuropsychol. Korrelaten solcher paranormalen Beliefs und Einstellungen ist ein wichtiges Gebiet parapsychol. Forschung (Schriever, 1998). Spukerscheinungen, Nahtod- und außerkörperliche Erfahrungen, Erscheinungen Verstorbener (apparitions) oder spontan auftretende Rückerinnerungen an angeblich «frühere Leben» stellen intra- und interkulturell verbreitete Grundmuster paranormaler Erlebnisse dar (Cardena et al., 2000).

Kontrollierte parapsychol. Laborexperimente haben zum Ziel, operational definierte ASW-und PK-Hypothesen mit ausgewählten oder unausgewählten Vpn zu testen (Wiseman & Watt, 2005). In der ASW-Situation muss eine sensorisch zuverlässig abgeschirmte Vp, der «Empfänger», eine zufällig erzeugte Abfolge von Symbolen, die ein räumlich getrennter «Sender» betrachtet, erraten. Treten bei genügend langen Versuchsserien wiederholt signifikante Abweichungen von der Zufallserwartung auf, werden diese unter der Psi-Hypothese als Telepathie interpretiert. Hellsehen ist dann gegeben, wenn kein Sender gegeben ist; bei Präkognition erfolgt der Ratevorgang, bevor die Zufallsfolge generiert wurde. ASW-Paradigmen der heutigen Paraps., die in Studien signifikante Effekte zeigten, sind Ganzfeld-, Remote-Viewing-, Remote-Staring- und «Presentiment»-Versuche, bei denen auch psychophysiologische Variablen erhoben werden (Schmidt, 2002). In der PK-Situation müssen Vpn durch bloßes «Wünschen» oder «Wollen» eine von einem Zufallszahlengenerator produzierte Zufallsfolge in eine vorher festgelegte Richtung «beeinflussen» (Lucadou, 1997). Generell gilt, dass exp. erzeugte Psi-Effekte in Studien schwach und empirisch unbedeutsam sind, aber in Metaanalyse stat. nachgewiesen werden konnten (Radin et al., 2006). Zudem wird untersucht, ob manche Experimentatoren stabil erfolgreicher sind als andere (Psi-Experimentator-Hypothese).

Die Ergebnisse der parapsychol. Forschung sind in der wiss. Gemeinschaft umstritten (Bauer, 1979; Alcock et al., 2003). Die übliche skeptische Position (Hergovich, 2005) macht geltend, dass Psi-Experimente meth. Mängel aufwiesen, dass pos. Ergebnisse von Skeptikern nicht replizierbar seien und dass keine empirisch überprüfbare Theorien vorlägen. Die Mehrzahl der professionellen Forscher auf diesem Gebiet, die i. d. R. Sozial- und Naturwissenschaftler und Mitglieder der 1957 gegründeten Parapsychological Association sind, hält dagegen den Nachweis für erbracht, dass es sowohl auf phänomenologischer wie exp. Ebene Psi-Anomalien gibt, die sich vorläufig nicht mit konventionellen Hypothesen zureichend erklären lassen (Radin et al., 2006). Heutige paraps. Theorieansätze haben an der klass. Naturwiss. angelehnte Vorstellungen von ASW als einer «Informationsübertragung» oder von PK als einer quasi-energetischen «Beeinflussung» weitgehend verlassen und fassen Psi- bzw. synchronistische Phänomene als Verschränkungskorrelationen in einer verallgemeinerten Quantentheorie auf (Lucadou, 1997).

Die akademische Integration der parapsychol. Forschung ist v. a. in Großbritannien etabliert, wo nach dem Vorbild der 1985 gegründeten Koestler Parapsychology Unit an der Universität Edinburgh P. an mehreren Universitäten in Forschung und Lehre vertreten ist, u. a. an der Universität Northampton mit einem Centre for the Study of Anomalous Psychological Processes. In Dt. findet die paraps. Beratungs-, Informations- und Forschungsarbeit in erster Linie an dem 1950 von dem deutschen Parapsychologie-Pionier Hans Bender (1907–1991) gegründeten Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V. (IGPP) (Bender, 1936, 1970, Bauer, 1979) statt, das weltweit zu den größten Institutionen seiner Art gehört, sowie an der 1989 gegründeten Parapsychologischen Beratungsstelle der Wissenschaftlichen Gesellschaft zur Förderung der P. e.V. (WGFP), die beide die 1957 gegründete Zeitschrift für P. und Grenzgebiete der Psychologie herausgeben. James Randi Educational Foundation (JREF), Skeptical Inquirer.

 

[Ergänzende Anm. des Herausgebers: Die Existenz paranormaler Phänoneme gilt in der wiss. Ps. als widerlegt. Die Paraps. ist nicht als Teilgebiet der wiss. Ps. anerkannt.]

Referenzen und vertiefende Literatur

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