Persönlichkeit

 

(= P.) [engl. personality; lat. persona Maske, Rolle, Person, personare hindurch tönen], [PER], ist die Gesamtheit aller überdauernden indiv. Besonderheiten im Erleben und Verhalten eines Menschen (der P.eigenschaften, syn. P.merkmale [engl. traits]). Bsp. für P.eigenschaften sind intelligent (Intelligenz), aggressiv (Aggressivität), gesellig (Geselligkeit), leistungsmotiviert (Leistungsmotivation), konservativ. «Überdauernd» bezieht sich in dieser Def. auf Zeiträume von wenigen Wochen oder Monaten. Persönlichkeit setzt also eine kurzfristige Stabilität dieser Besonderheiten voraus. Damit können viele P.eigenschaften als Dispositionen aufgefasst werden, d. h. Tendenzen, best. Situationen in best. Weise zu erleben und sich dort in best. Weise zu verhalten. Das schließt langfristige Veränderungen der P. nicht aus (P.entwicklung). Mit «indiv. Besonderheit» ist gemeint, dass es sich um Merkmale handelt, die zw. den Mitgliedern einer Bezugsgruppe variieren (meist wird P. bezogen auf Unterschiede innerhalb derselben Altersgruppe und Kultur). Beschrieben wird die P. eines Individuums durch ein P.profil, d. h. die Ausprägung der Person in vielen P.eigenschaften.

P. wird in der Ethologie auch zur Charakterisierung von Tieren benutzt. Übereinstimmend mit der umgangssprachlichen Bedeutung von P. werden oft auch körperliche Merkmale [engl. physical traits] einbezogen (z. B. Körpergröße, physische Attraktivität). Im nordamerikanischen Raum wird Intelligenz oft nicht als P.eigenschaft betrachtet, da die Intelligenzforschung dort relativ isoliert betrieben wurde.

Die Persönlichkeitspsychologie beschäftigt sich als empirische Wissenschaft mit der Beschreibung, Vorhersage und Erklärung der P. und ihrer Entwicklung. Sie setzt vor aus, dass P.eigenschaften operationalisiert werden können (Operationalisierung). Im dt.sprachigen Raum findet sich hierfür auch die Bez. Differentielle Psychologie (Ps. interindiv. Unterschiede), wobei dann die Betonung der Stabilität dieser Unterschiede fehlt. Hierbei lassen sich versch. theoret. Ansätze unterscheiden.

Vorstellungen in der Psychoanalyse über den Charakter (syn. für P.) und seine Entwicklung sind für die heutige P.ps. nur eingeschränkt relevant, da die meisten psychoanalytischen Grundkonzepte sich als nicht operationalisierbar erwiesen und die Annahmen Freuds über die Entwicklung des Charakters und der Geschlechtsunterschiede empir. nicht haltbar sind. Einige psychoanalytische Konzepte wie unbewusste Motive und Abwehrstile erwiesen sich dagegen als fruchtbar, nachdem sie operationalisiert wurden.

Die klass. Lerntheorien zur Erklärung von P.unterschieden gingen davon aus, dass P.unterschiede durch Lernen erworben werden. Diese Theorien ignorierten, dass es Prädispositionen zum Lernen gibt, die auch interindiv. variieren. Damit nimmt die P. der Lernenden Einfluss auf ihren Lernerfolg. Das begrenzt den Erklärungswert des Lernens für die P.entwicklung.

Gegenwärtig wird die P.ps. vom Eigenschaftsparadigma [engl. trait paradigm] dominiert (Eigenschaften, Persönlichkeitstheorien, eigenschaftszentrierte). Einzelne P.dimensionen (z. B. das Ausmaß der Ängstlichkeit) werden isoliert, die interindiv. Variation auf einer solchen Dimension (Persönlichkeit, klassische faktorenanalytische Ansätze) wird beschrieben, Zusammenhänge zw. versch. Dimensionen werden korrelativ untersucht (wie stark korrelieren z. B. Ängstlichkeit und Aggressivität), und die zeitliche Stabilität der interindiv. Unterschiede auf der Dimension und ihre transsituative Konsistenz (z. B. Ängstlichkeit gegenüber Schlangen vs. in mündlichen Prüfungen) werden untersucht. Hauptergebnis ist, dass P.unterschiede zwar mittelfristig durchaus stabil sind, aber situationsspezifischer als allgemeinhin angenommen.

Im Informationsverarbeitungsparadigma wird versucht, die Prozesse zu identifizieren, die P.eigenschaften zugrunde liegen. P.unterschiede werden einerseits in Parametern der Informationsverarbeitung gesucht (Geschwindigkeit, Verarbeitungsschwellen, Intensität von Reaktionen), andererseits in Gedächtnisinhalten und ihrer affektiven Bewertung. Da die meisten Informationsverarbeitungsprozesse und viele Gedächtnisinhalte nicht bewusstseinsfähig sind, müssen sie indirekt aus Verhaltensbeobachtungen erschlossen werden. Z. B. wird versucht, mithilfe von Reaktionszeitmessungen in impliziten Assoziationstests (IATs) nicht bewusst zugängliche implizite Einstellungen zu erfassen.

Im neurowiss. Paradigma (Persönlichkeit, neurowissenschaftliche Ansätze) wird versucht, P.unterschiede auf neuroanatomischer oder -physiol. Ebene zu identifizieren, z. B. P.unterschiede in der Aktivierung best. Gehirnregionen mittels bildgebender Verfahren. Die bisherigen Korrelationen mit selbst- oder fremdbeurteilten P.unterschieden sind jedoch min. und kausal (Kausalität) unklar: Sind die neuronalen Unterschiede Ursachen oder Wirkungen von Verhaltensunterschieden?

Im genetischen Paradigma wird versucht, den genetischen Einfluss auf P.unterschiede zu bestimmen. Hierzu wird dieser Einfluss in der Verhaltensgenetik durch Zwillings- und Adoptionsstudien indirekt geschätzt, während er im molekulargenetischen Ansatz durch Korrelationen zw. Genvarianten und P.eigenschaften direkt bestimmt wird (Anlage-Umwelt, Verhaltensgenetik).

Im evolutionspsychol. Paradigma werden P.unterschiede als Konsequenzen der Selektionskräfte in der evolutionären Vergangenheit des Menschen zu erklären versucht (Evolutionspsychologie). Als erfolgreich erwies sich dieser Ansatz bisher v. a. bei der Erklärung von Geschlechtsunterschieden, die sich in allen Kulturen finden, z. B. der größeren Bereitschaft von Männern zu Sex ohne emot. Beteiligung.

Traditionell werden in der P.ps. P.bereiche nach den zugrunde liegenden psych. Funktionen abgegrenzt. Hierzu zählen das Temperament, die Selbstregulation), Kompetenzen wie z. B. Intelligenz, Kreativität, soziale Kompetenzen, emotionale Kompetenzen; Motive und Interessen; Bewältigungsstile im Umgang mit Belastungen (Coping); Werthaltungen (z. B. konservativ vs. liberal) und (spezifischere) Einstellungen (z. B. Präferenz für best. politische Parteien) sowie indiv. Besonderheiten in Selbstkonzept, Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit (Selbstwirksamkeitserwartung), SelbstaufmerksamkeitSelbstdarstellung und Lebenszufriedenheit.

Neben dieser funktionsorientierten Klassifikation gibt es empirisch begründete Klassifikationen nach Ähnlichkeit der Verwendung von Eigenschaftsbegriffen im Alltag. Dieser Ansatz führte im angelsächsischen und dt.sprachigen Raum zu fünf Hauptfaktoren der P.beschreibung (Fünf-Faktoren-Modell): Extraversion, Neurotizismus, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen. Diese Big Five stellen eine Klassifikation von Eigenschaftsbegriffen dar, nicht eine Klassifikation von Personen.

Personen lassen sich entweder durch willkürliche Einteilung nach der Ausprägung ihrer P. in best. Merkmalen klassifizieren (z. B. hochbegabt = IQ mind. 130; Hochbegabung, intellektuelle) oder empirisch, indem Personen in vielen Merkmalen gleichzeitig beschrieben werden und die resultierenden P.profile dann in möglichst homogene Gruppen eingeteilt werden. Es resultieren P.typen, wobei wegen der graduellen Variation der Personen auf den P.dimensionen die Grenzen zw. den Typen unscharf sind.

Verwendete Literatur

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