Persönlichkeit, neuere faktorenanalytische Ansätze

 

[engl. personality, newer factor analytic approaches], [PER], der Eintrag Persönlichkeit, klassische faktorenanalytische Ansätze beschreibt die relevanten Persönlichkeitsmodelle bis hin zum Fünf-Faktoren-Modell (FFM). Die Faktorenanalyse wird in diesem Rahmen zur Identifikation von Persönlichkeitsfaktoren eingesetzt. Das FFM und das primär auf dem lexikalischen Ansatz beruhende und dem FFM sehr ähnliche BIG- Five (B5)-Modell haben in der Forschung und Anwendung eine hohe Verbreitung erfahren. Obwohl keine der im Folgenden dargestellten neueren Entwicklungen vollst. etabliert ist, zeigt die hier dargestellte Auswahl, dass die faktorenanalytischen Persönlichkeitsmodelle weiterhin ein dynamisches Forschungsfeld konstituieren.

Eine weitergehende Strukturierung der B5-Faktoren ergibt sich aus den beiden Faktoren zweiter Ordnung der B5 (Digman, 1997). Zur Ermittlung von Faktoren zweiter Ordnung wurden die Interkorrelationen der Faktoren erster Ordnung analysiert. In diesem Ansatz wurden die B5-Faktoren Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Emotionale Stabilität aufgrund ihrer Interkorrelationen unter dem Faktor Alpha subsummiert. Der Alpha-Faktor integriert solche B5-Faktoren, die mit der gesellschaftlichen Sozialisation und der Integration des Individuums in die Sozialgemeinschaft im Zusammenhang stehen. Die B5-Faktoren Extraversion und Intellekt wurden aufgrund ihrer Interkorrelation zum Faktor Beta subsummiert. Der Faktor Beta soll somit die Tendenz zur Selbstverwirklichung und die Entwicklung eigener Kompetenzen repräsentieren. Die durch die Faktoren Alpha und Beta repräsentierten Grundtendenzen (Sozialisation versus Selbstverwirklichung) können nach Digman (1997) in vielen anderen Persönlichkeitsmodellen aufgezeigt werden. Der Faktor Alpha wurde von DeYoung (2006) als Stabilität interpretiert, während der Faktor Beta als Plastizität interpretiert wurde. Als Faktor dritter Ordnung, der die Faktoren Stabilität und Plastizität integriert, wurde in einer Reihe von Analysen auch ein Generalfaktor der Persönlichkeit ermittelt, der als eine Kombination der sozial erwünschten Ausprägungen auf den Faktoren der B5 interpretiert wurde (Rushton & Irwing, 2008).

Eine weitere Entwicklung, die direkt auf dem FFM aufbaut, ist das Big Six oder HEXACO-Modell von Ashton & Lee (2007), in dem zusätzlich zu den Faktoren des FFM/B5-Modells ein sechster Faktor Ehrlichkeit/Bescheidenheit [engl. honesty/humility] angenommen wird. Dieser Faktor wird als reziproker Altruismus (Fairness) interpretiert. I. R. des Sechs-Faktoren-Modells werden die Faktoren Ehrlichkeit/Bescheidenheit sowie Verträglichkeit und Emotionalität als Varianten von Altruismus interpretiert, während die Faktoren Extraversion, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Erfahrungen als Varianten von Anstrengung/Engagement interpretiert werden. Dennoch gehen Ashton und Lee nicht davon aus, dass sich die Struktur Altruismus und Anstrengung/Engagement als Faktoren höherer Ordnung nachweisen lassen.

Die Big-Seven Faktoren wurden aufgezeigt, wenn die Fragebögen zusätzlich zu den Adjektiven, die das B5-Modell repräsentieren, auch eine größere Anzahl wertender Adjektive enthielten. Somit umfassen die Big Seven zusätzlich zu den B5-Faktoren einen Faktor Positive Valenz und einen Faktor Negative Valenz (Almagor et al., 1995). Der Faktor Positive Valenz ist durch Adjektive wie hochentwickelt [engl. sophisticated] oder kenntnisreich [engl. knowledgeable] gekennzeichnet. Der Faktor Negative Valenz ist durch Adjektive wie neidisch [engl. envious] oder provozierend [engl. provoking] gekennzeichnet. Aber auch die B5-Faktoren erfahren in den Analysen eine Nuancierung. Bspw. wird der Faktor Extraversion als Positive Emotionalität interpretiert, während der Faktor Neurotizismus vs. Emotionale Stabilität als Negative Emotionalität interpretiert wird. Die Faktoren Gewissenhaftigkeit [engl. conscientiousness] und Verträglichkeit [engl. agreeableness] bleiben weitgehend unverändert, während der Faktor Offenheit für Erfahrungen/Kultur [engl. openness to experience/culture] als Konventionalität versus Progressivität [engl. conventionality versus progressivity] interpretiert wird.

Die oftmals geringfügigen, mitunter aber auch deutlichen Bedeutungsverschiebungen der Persönlichkeitsfaktoren sind eine Herausforderung für die faktorenanalytische Persönlichkeitsforschung. Als eine Ursache für die Bedeutungsverschiebungen wurde angeführt, dass persönlichkeitsrelevante Adjektive selten nur einen einzigen Faktor repräsentieren, während die verwendete faktorenanalytische Rotations-Methode aber für jedes Adjektiv die Eindeutigkeit der Faktoren-Zuordnung maximierte. Um Bedeutungen bzw. Bedeutungsverschiebungen der B5-Faktoren genau beschreiben zu können, wurden sog. Zirkumplex-Modelle vorgeschlagen, bei denen die Adjektive meist zwei unkorrelierten (Produkt-Moment-Korrelation) Faktoren zugeordnet werden (Hofstee et al., 1992; Zirkumplex, interpersoneller). In Zirkumplex-Modellen werden die Adjektive anhand ihrer Faktorladungen auf zwei Faktoren, die ein Koordinatensystem bilden, kreisförmig angeordnet. So hat in der Abb. das Adjektiv «a» eine hohe positive Ladung auf dem Faktor «F1» und eine schwache positive Ladung auf dem Faktor «F2», während Adjektiv «b» eine weniger hohe Ladung auf «F1» dafür aber eine größere negative Ladung auf «F2» hat. Adjektiv «c» hat eine hohe positive Ladung auf «F2» und eine schwache negative Ladung auf «F1».

I. R. des Abridged Big Five Dimensional Circumplex (AB5C) Modells von Hofstee et al. (1992) wurden 10 Zirkumplexe zur Anordnung der Adjektive der B5-Faktoren formuliert. Anhand der Häufungen von Adjektiven in den Zirkumplexen können die Bedeutungen der B5-Faktoren genau beschrieben werden. So laden bspw. viele Adjektive hoch pos. auf dem Faktor Verträglichkeit und zugleich schwach neg. auf dem Faktor Extraversion, sodass der Faktor Verträglichkeit auch geringe Extraversion beinhaltet. Inwieweit mithilfe von Zirkumplex-Modellen eine weitergehende Konsolidierung der Modellbildung im Bereich faktorenanalytischer Persönlichkeitsforschung erreicht werden kann, ist derzeit offen.

Grundsätzlich wurden faktorenanalyt. Persönlichkeitsmodelle i. R. der Arbeiten zum Interaktionismus kritisiert. Es wurde angeführt, dass die Konsistenz des Verhaltens über versch. Situationen so gering sei, dass auch die Vorhersagekraft von Persönlichkeitsfaktoren eingeschränkt sei. Die aus der Kritik resultierende Forschung zur Einbeziehung der Situationen sowie neurowiss. Untermauerungen von Persönlichkeitsfaktoren (Persönlichkeit, neurowissenschaftliche Ansätze) können wiederum produktive Rückwirkungen auf faktorenanalytische Ansätze haben.

Verwendete Literatur

Sie sind schon registriert? Zur Anmeldung
Erstellen Sie einen Account um das komplette Literaturverzeichnis einzusehen.