Persönlichkeit, neurowissenschaftliche Ansätze

 

[engl. personality, neuroscience approaches], [PER], versuchen, Persönlichkeitsunterschiede im Verhalten und Erleben auf zugrunde liegende Unterschiede in biol. Systemen zurückzuführen, insbes. im Nervensystem, im Herz-Kreislauf-System (kardiovaskuläre Aktivität), im hormonellen System (Hormone) und im Immunsystem (DeYoung, 2010; Hennig, Netter, 2005). Oft wird hierbei angenommen, dass dies besonders leicht für Merkmale des Temperaments gelingen sollte.  Einer der frühesten bekannten Ansätze ist der Versuch von Galenos von Pergamon (ca. 130−200 v. Chr.), die vier Temperamentstypen Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker durch ein Überwiegen eines der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle gemäß der Gesundheitslehre von Hippokrates zu erklären (Typologie).  Der erste ernstzunehmende neurowiss. Ansatz wurde 1967 von Eysenck (1967, Eysenck, Hans-Jürgen) vorgelegt, der versuchte, die Dimensionen Extraversion und Neurotizismus auf eine neurowiss. Basis zurückzuführen (PEN-Modell). Während er Neurotizismus vage auf Unterschiede im limbischen System bezog, formulierte er vergleichsweise präzise Modellvorstellungen zum Zusammenhang zw. hoher versus niedriger Extraversion und der Aktivierung des ARAS-Systems im Hirnstamm, das eine wichtige Rolle in der Aktivierung spielt. Danach hätten Introvertierte eine niedrigere Aktivierungsschwelle als Extravertierte, sodass sie schon bei schwach aktivierenden Reizen vgl.weise stark kortikal erregt seien; bei stark aktivierenden Reizen greife der Schutzmechanismus der transmarginalen Hemmung, der zu einer im Vergleich zu Extravertierten niedrigeren kortikalen Erregung führe. Diese nicht linearen Beziehungen zw. Aktivierungspotenzial der Situation und physiol. und psych. Erregung konnten zwar nicht bestätigt werden, regten jedoch weitere neurowiss. Ansätze an.

Erstens wurde versucht, Temperamentsunterschiede durch multivariate Psychophysiologie (gleichzeitige Messung vieler physiol. Parameter, z. B. Herzrate, Blutdruck, Hautwiderstand) zu erfassen, zunächst im Labor (Fahrenberg, 1967) und später auch in Alltagssituationen mithilfe des ambulanten Monitoring (Fahrenberg & Myrtek, 1986). Dieses Programm scheiterte vor allem an unzureichenden interindiv. Korrelationen zw. den physiol. Reaktionen aufgrund ausgeprägter individualspezifischer Reaktionsmuster und an unzureichenden Korrelationen zw. beurteilten und physiol. gemessenen interindiv. Unterschieden. Ähnliches gilt für Versuche, faktorenanalytisch gewonnene Dimensionen der Persönlichkeitsbeschreibung wie z. B. die Big Five mit Aktivierungsmustern im EEG oder mithilfe bildgebender Verfahren (insbes. fMRT) in ausreichend großen Stichproben replizierbarzu korrelieren.

Zweitens wurde versucht, Persönlichkeitsunterschiede auf best. neurophysiol. Systeme zu beziehen, die eine Rolle bei Belohnung und Bestrafung spielen. Jeffrey Gray, der Nachfolger auf Eysencks Lehrstuhl in London, legte 1982 die Reinforcement-Sensitivity-Theory (RST; Gray, 1982) vor, die hauptsächlich auf pharmakol. Experimenten mit Ratten beruhte, wonach Temperamentsunterschiede in Gehemmtheit (introvertiert-neurotisch vs. extravertiert-emot. stabil) und Impulsivität (extravertiert-neurotisch vs. introvertiert-emot. stabil), auf der unterschiedlichen Stärke eines Verhaltenhemmungssystems (behavioral inhibition system (BIS); Empfänglichkeit für Strafe) und eines Verhaltensaktivierungssystems (behavioral activation system (BAS); Empfänglichkeit für Belohnung) beruhten. Diese Theorie wurde von Gray & McNaughton (2000) revidiert, wonach Hinweisreize für Bestrafung ein Fight-Flight-Freezing-System (FFFS) aktivierten, und von Corr (2008) als neurowiss. orientierte Persönlichkeitstheorie weitergeführt. Das BIS wird in der revidierten RST als Konflikt-Detektions- und Konflikt-Löse-Mechanismus verstanden. Parameter im EEG (z. B. die N2-Amplitude und die Error Related Negativity (ERN) Amplitude (EKP) des ereigniskorrelierten Potenzials) werden als Indikatoren für Konflikt-Detektion und Reaktions-Monitoring diskutiert und mit einem spezif. Aspekt von Ängstlichkeit und Gehemmtheit in Zusammenhang gebracht, nämlich ängstlicher Besorgtheit (anxious apprehension), in extremer Ausprägung die vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung. Der substanziell neg. Zusammenhang zw. ängstlicher Besorgtheit und der ERN-Amplitude konnte in Befunden über eine Reihe von Studien unabhängiger Labore metaanalytisch nachgewiesen werden (Moser et al., 2012). Cloninger (1987) versuchte, die RST mit Neurotransmitter-Systemen im Gehirn zu verbinden, wonach BIS mit Überwiegen von Serotonin, BAS mit Überwiegen von Dopamin und ein behavioral maintenance system mit Überwiegen von Noradrenalin assoziiert sei. Dieser Ansatz wurde kaum bestätigt, wurde aber sehr einflussreich, weil Cloninger mit seiner Theorie nicht nur Temperamentsdimensionen, sondern auch best. Persönlichkeitsstörungen zu erklären suchte. Weiter differenziert wurde Cloningers Theorie von Depue & Collins (1999), die Serotonin auf eine Dimension Überkontrolle – Unterkontrolle bezogen und Interaktionen zw. den Neurotransmitter-Systemen einbezogen.

Die bisherigen neurowiss. Ansätze weisen bisher nur in wenigen Fällen (z. B. Moser et al., 2013) einen auf replizierten Befunden unterschiedlicher Labore an ausreichend großen Stichproben beruhenden kumulativen Wissensforschritt auf. Am ehesten fortgeschritten scheint derzeit die Forschung zum Zusammenhang zw. ängstlicher Besorgtheit und der ERN, zum Zusammenhang zw. spezif. Aspekten von Extraversion und dem dopaminergen System und zum Zusammenhang zw. Dominanz und Testosteron zu sein (Hennig & Netter, 2005). Neurowissenschaften, Kognitive.

Referenzen und vertiefende Literatur

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