Persönlichkeitstheorien, philosophisch orientierte

 

[PER, PHI], Bez. für Theorien, denen – sosehr sich die Konzepte im Einzelnen voneinander unterscheiden – zwei Merkmale gemeinsam sind: (1) Sie gehen vom Postulat der Person bzw. der Persönlichkeit (Letztere wird dabei oft verstanden als die im indiv. Lebenslauf entwickelte, die «gewordene» Person) als etwas Substanziellem, seinsmäßig Vorgegebenem aus, im Ggs. zur empirischen Persönlichkeitsforschung, in der ontologische Voraussetzungen bewusst ausgeklammert bleiben. (2) Sie sind eher deskriptiv, phänomenologisch orientiert und werden weniger auf das Erklären von Verhalten ausgerichtet. Grundlegend für diese Forschungsrichtung waren u. a. die Konzepte von Klages, Scheler, Stern und Krueger. Klages' Ansatz ist charakterisiert durch seine metaphysische Theorie vom Geist als Widersacher der Seele, wobei die Persönlichkeit gleichsam Schauplatz des Widerstreits zw. personaler Individualität (Seele) und antipersonalem, die Einmaligkeit zerstörendem Geist ist. Bei Scheler ist die Personalität ebenfalls durch den Ggs. von Leben («Drang») und Geistigkeit bestimmt, wobei aber der Geist nicht wie bei Klages Zerstörer des personalen Lebens, sondern selbst das personale Prinzip des Menschen ist. Stern glaubte, das Substrat des Psychischen in der «psychophysisch neutralen» Person gefunden zu haben, die er als «indiv., eigenartige Ganzheit, welche zielstrebig wirkt, selbstbezogen und weltoffen ist, lebt und erlebt», bestimmt. Nach Kruegersgenetischer Ganzheitslehre ist das Substrat aller ps. Phänomene die personale Struktur, das substanziell Seiende, das mit sich selbst identisch bleibt im Wandel der Entwicklung eines Menschen. Weiterentwickelt wurde dieser Zweig der Persönlichkeitspsychologie insbes. von Lersch, Vetter, Wellek, Revers u. a.: Lersch zieht in sein Konzept des Aufbaus der Person fast alle Bereiche der Ps. und anthropologische Sichtweisen mit ein, wenn er sagt, die Ps. der Person «charakterisiert den Menschen als Sonderwesen im Ganzen der Welt und umgreift zugleich die aktuellen seelischen Vollzüge und Inhalte, die seelische Entwicklung und die indiv. Ausprägungsformen». Nach Vetter ist die Person lebens- und geistesbestimmt, das Ewige im Menschen, seine Mitte und als solche ontologischer Grund der Persönlichkeit, die das Insgesamt des seelisch-geistigen Gefüges darstellt. Wellek bezeichnet seine Charakterologie als «induktive Ontologie», geht es ihm doch in seiner Polaritätstheorie des Charakters um die systematische Erfassung des Strukturkerns der Persönlichkeit, nämlich des Charakters als «Seinsgrund aller indiv. Akte» und somit um die Erfassung der in der persönlichen Struktur (sensu Krueger) fundierten Disposition. Revers schließlich bestimmt die Person als «menschliches Einzelwesen, als Einheit von Geistseele und Leib in seiner unmittelbaren Einmaligkeit, das in sich selbst und über sich selbst verfügt», und «insofern sie in einem konkret historischen Lebenslauf Wirklichkeit wurde», bezeichnet er sie als Persönlichkeit. Philosophisch orientierte Theorien der Persönlichkeit wurden hauptsächlich in Europa, insbes. im dt.sprachigen Raum konzipiert. Von den amerik. Beiträgen zur Persönlichkeitsforschung ist am ehesten Allports Persönlichkeitskonzept zur Anthropologie und Philosophie hin geöffnet. Allport war es v. a. auch, durch den der Persönlichkeitsbegriff in der amerik. Ps. Eingang fand. Allport definiert Persönlichkeit als «die dynamische Organisation derjenigen Systeme im Individuum, die sein charakteristisches Verhalten und Denken determinieren», wobei das Selbst das wichtigste System der Persönlichkeit ist. Eine teilweise Weiterentwicklung der phil. orientierten Theorien der Persönlichkeit kann in der in den USA auflebenden sog. humanistic psychology gesehen werden (neben Allport wären hier Maslow, BühlerRogers u. a. zu nennen; Persönlichkeitstheorien, humanistische).

Referenzen und vertiefende Literatur

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