Phonetik, Phonologie

 

(= Pt., Pl.) [engl. phonetics, phonology; gr. φωνή (phone) Laut, Ton, λόγος (logos) Wort, Lehre], [KOG], ist die wiss. Beschreibung der lautlichen Seite der Sprache i. Allg. und der einzelnen Sprachen im Besonderen. Zu den grundlegenden Gegenständen der Pt. zählen die lautlichen Gegebenheiten aller natürlichen Sprachen. Sie sind in ihrer Natur bedingt durch die biol. Ausstattung der Hör- (Hören, Sprachrezeption) und Sprechfähigkeit (Sprechen, Sprachproduktion) des Menschen, letztlich durch den Lebensraum, z. B. auf der Erde und nicht im Wasser. Im Einzelnen von den Lebensbedingungen des Menschen geformt sind der Atemtrakt (Zwerchfell, Lunge, Luftröhre, Kehlkopf mit Stimmlippen, Rachenraum, Mundraum, Zunge, Gebiss, Lippen und Nasenraum; auf der Seite der Sprachwahrnehmung gilt ein Gleiches für das Gehörorgan: äußeres Ohr, Mittelohr, Innenohr mit der Cochlea und der neuronalen Brücke (Corti'sches Organ) zum beiderseitigen Hörzentrum des Gehirns. Diese organische Ausstattung setzt wesentliche Grenzen für die Parameter sprachlicher Lauteigenschaften. Weder die Stimme noch das menschliche Gehör können Laute verarbeiten, die tiefer sind als etwa 20 Hz und höher als 20 kHz. Analoges gilt für das Klangspektrum, die sog. Formanten, für die Lautstärke und das Sprechtempo etc. Die Beobachtungs- und Messverfahren der Pt. setzen an drei Stellen der lautlichen Kommunikation an, (1) am Ort der Produktion durch Beschreibung der Artikulationsorte und -prozesse (Artikulatorische Pt., Artikulation), (2) im Übertragungsmedium, d. h. den Schwingungen in der Luft (Akustische Pt.) und (3) den auditiven Prozessen und Wahrnehmungen (Wahrnehmung, Auditive Pt.). Durch systematische Segmentierung und Klassifikation der artikulatorischen Vorgänge, der akustischen Profile und der auditiv wahrgenommenen Gliederungs- und Verteilungseigenschaften im kontinuierlichen Schallstrom der Rede werden lautliche Segmente nach Merkmalen beschrieben und klassifiziert. Daraus ergeben sich zum einen die Repertoires von Lauten der einzelnen Sprachen und in ihrer Gesamtheit als Vereinigungsmenge das Lautrepertoire aller Sprachen, zum anderen einzelsprachliche und generelle Einschränkungen für die Zusammensetzung von Lauten zu Lautketten in der Silbe und im Wort (Phonotaktik) sowie zu Wortgruppen im Satz. Neben der Lautkette bilden die Tonhöhenvariation, Lautstärkevariation und Variation in der Dauer von Segmenten substanzielle Mittel zur lautlichen Gestaltung der Rede, die sog. suprasegmentalen Eigenschaften, zus. auch als Intonation bezeichnet. Zur Bez. der Laute mit schriftlichen Mitteln wird heute in der Pt. und in der Pl. ein eigenes – ursprünglich für Zwecke des Fremdsprachenunterrichts – entwickeltes Alphabet inkl. diakritischer Zeichen verwendet, die Lautschrift der International Phonetic Association (IPA, frz. API); zur Einführung in die Pt. vgl. Pomino-Marschall (2009) und Reetz & Longman (2009), zur Aussprache des Standarddeutschen den Ausspracheduden, Mangold, 2005). Die leitende Fragestellung der Pl. richtet sich auf die systematischen lautlichen Eigenschaften der Sprache i. Allg. und der jew. Besonderheiten in den Einzelsprachen. Ausgangspunkt der phonologischen Forschung ist die Tatsache, dass jedes Wort aus einer gegliederten Kette von Lautpositionen besteht und dass Wörter sich min. in der lautlichen Besetzung nur einer einzigen Position unterscheiden können; Bsp. (es werden hier nur die Buchstaben des lat. Alphabets verwendet, die mit Zeichen der Lautschrift identisch sind; dass es sich um die Darstellung von Lauten handelt, wird durch Schrägstriche vor und nach dem Bsp. markiert) /kanst/ - /kUnst/. Die beiden Wörter unterscheiden sich nur in der lautlichen Besetzung ihrer zweiten Position, ebenso z. B. /mUst/ und /mIst/. Solche Paare heißen Minimalpaare und jeder Laut einer Sprache, der zu einem Paar von Lauten gehört, in denen sich Wörter in Minimalpaaren unterscheiden können, ist ein Phonem. In den genannten Bsp. des Deutschen sind das also /a/ und /U/ (offenes, kurzes u) und /U/ und /I/ (beide offen und kurz). Für die Ermittlung der Phoneme einer Sprache sind alle Positionen im Wort zu prüfen, soweit sie eben in Minimalpaaren belegt sind, also auch z. B. die Erstpositionen wie in /lIst/ - /mIst/, womit sich ergibt, dass /l/ und /m/ Phoneme des Deutschen sind. Die Relation, in der die Phoneme in min. Paaren stehen, heißt phonematische Opposition. Im Wort fügen Phoneme sich zu einer nächstgrößeren lautlichen Einheit zus., der Silbe. Aufbau und Aufbauunterschiede von Silben werden in der sog. metrischen Phonologie untersucht und beschrieben. Die Grundstruktur der Silbe umfasst zwei Komponenten, die Anfangskomponente (Onset) und die Reimkomponente (Reim). Letztere besteht ihrerseits aus den beiden Komponenten Silbenkern (Nukleus) und rechtem Rand (Koda). Die Silbe ist also hierarchisch gegliedert: (Onset (Nukleus − Koda)); z. B. hat das Wort Handball zwei Silben, nämlich (h (a - nt)) und (b (a - l)). Die Silbe ist eine Einheit, die viele phonologische Phänomene regelhaft erklären lässt. Dass im Deutschen das Wort Hand im Singular /hant/ und nicht /hand/ lautet, entspricht der phonologischen Regel der Auslautverhärtung: Stimmhafte Konsonanten werden im Silbenauslaut (Koda) stimmlos, /d/ wird im Silbenauslaut also zu /t/, /g/ zu /k/ und /z/ zu /s/. Die Erklärung von phonologischen Veränderungen des Wortes in wechselnden Umgebungen durch phonologische Regeln ist eine zentrale Aufgabe der Pl. Auch im typologischen Vergleich lassen sich sprachspezifische lautliche Unterschiede phonologisch präzise beschreiben. So unterscheidet sich das Deutsche von vielen anderen Sprachen darin, dass im Deutschen jedes Wort mit einem Konsonanten beginnt, auch Wörter wie als. Gesprochen wird nämlich /[als/, wobei /[/ den kaum hörbaren Sprenglaut bezeichnet, mit dem sich die Stimmlippen zum Artikulieren (Artikulation) des Vokals öffnen, den sog. glottalen Stop-Laut. In dieser Eigenschaft unterscheidet sich das Deutsche u. a. von allen romanischen Sprachen. Schließlich sind auch suprasegmentale Eigenschaften von Wörtern, Wortgruppen und Sätzen unter Bezug auf die Silbenstruktur regelhaft zu beschreiben, etwa der Wortakzent, der Hauptakzent einer Wortgruppe (Phrase) und der Melodieverlauf des gesprochenen Satzes. Zur Einführung in diese und weitere Kapitel der Pl. siehe Hall (2000). Spezif. psychol. Phänomene der lautlichen Seite der Sprache bilden die Phase des Lauterwerbs durch das Kind (Sprachentwicklung), die Repräsentation des lautlichen Wissens im mentalen Lexikon, die Lauterkennung als erster Schritt des Verstehens einer Äußerung und die phonetischen und phonologischen Besonderheiten von Störungen; s. dazu die einschlägigen Kapitel in Dietrich (2007) und Höhle (2010).

Referenzen und vertiefende Literatur

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