projektive Tests, projektive Verfahren

 

(= proj. V.) [engl. projective tests; lat. proicere nach vorne werfen], [DIA, PER], Bez. für eine Gruppe von Tests, bei denen für das Zustandekommen der Reaktion des Pb auf den Teststimulus der Mechanismus bzw. der dynamische Prozess der Projektion stattfindet. Die proj. V. setzen somit voraus, dass der Pb seine Einstellungen, Motive, Personmerkmale etc. in die Deutungen und Gestaltungen, die er bei dem Test vorzunehmen hat, projiziert. Der Diagnostiker erschließt dann von den in die Testvorlagen projizierten Inhalten und Reaktionen auf die Eigenschaften, Probleme, Bedürfnisse etc. des Pb. Solche Schlüsse sind z. T. direkt und analogiehaft, bei sorgfältig konstruierten und überprüften Verfahren sind sie empirisch belegt. Im Thesaurus of Psychological Index Terms werden unter der Kategorie «Projective Personality Measures» alle Verfahren subsummiert, «which derive an indirect and global assessment of personality through the analysis of meaning or structure freely imposed by the subject upon unstructured or ambiguous materials» (Gallagher, 2005, 221). Die Entwicklung der proj. V. kann als eine Gegenströmung zur psychometrisch orientierten Diagnostik zu Beginn des 20. Jhd. mit ihrer Betonung kogn. Fähigkeiten und der Reduzierung der Persönlichkeitsmessung mittels Persönlichkeitsfragebogen auf der Basis psychometrisch-analytisch gewonnener Eigenschaften gesehen werden. Bei den proj. V. wird statt des Messprinzips des max. Antwortverhaltens des Pb im Leistungstest und der Messung des modalen bzw. «üblichen» Verhaltens im Fragebogen die offene Antwortmöglichkeit angeboten. Während bereits vor Erscheinen des Rorschach-Tests im Jahre 1921 proj. Techniken in der Ps. (z. B. in der Gedächtnis- bzw. Erinnerungsforschung) wie auch bei Wahrnehmungsexperimenten zur Anwendung kamen, gab es über lange Zeit für die proj. V. – schließt man die psychoanalytische aus – keine umfassende theoret. Begründung. Eine solche methodologische Begründung hat Frank (1935, 1948) gegeben, indem er die komplexe Struktur des Individuums mit ihren dynamischen Aktivitäten in ihrem sozialen Umfeld betont. Individuen sind Organismen der Natur, sie sind Mitglieder in ihrer sozialen Welt und haben eine ganz eigene innere Welt (privat world). Bei den Methoden, die für die Erforschung dieser personality anzuwenden sind, gibt es nach Frank Parallelen zu den Methoden, wie sie damals in Biologie und Physik verwendet wurden. Die Ausführungen von Frank zeigen auch, dass die proj. V. zur Messung der Persönlichkeit Impulse aus den damals existierenden meth. Vorstellungen der Naturwissenschaften wie auch der Gestaltpsychologie und der Feldtheorie bekommen haben und nicht nur auf die tiefenpsychol. Konzeption der Projektion zu reduzieren sind. Der Prozess der Projektion hat vielfältige Diskussionen ausgelöst und zu einer Spaltung in Befürworter und Gegner geführt. Um den Vorgang der Projektion diagn. auswerten zu können, wird häufig auf den klass. Projektionsbegriff Freud’scher Herkunft (Psychoanalyse) zurückgegriffen, bei dem die auslösende Komponente die Verdrängung darstellt. Diese einseitige Betrachtung hat Freud selbst nicht beibehalten. Mehr auf rein theoretischer Basis wurden – unter der Verwendung des Projektionsmechanismus ohne unbewusste Vorgänge – versch. mögliche Projektionsmechanismen beschrieben. Von attributiver Projektion spricht man, wenn die eigenen Verhaltensweisen anderen zugeschrieben werden. Autistische Projektion würde vorliegen, wenn z. B. die Bedürfnisse der Person die reale Außengegebenheit überformen bzw. verändern. Wenn das eigene Verhalten durch den Vorgang der Rationalisierung kommentiert wird, würde man von rationalisierter Projektion sprechen. Während aus der Sicht der Psychoanalyse der die Projektion auslösende Teststimulus von untergeordneter Bedeutung zu sein schien, ist die Qualität des Stimulus z. B. bei Rorschach-Test und TAT ausschlaggebend für die Reaktion des Pb (Hörmann, 1964b).

Nach einer gängigen Einteilung werden zw. (1) Formdeuteverfahren (z. B. Rorschach-Test, Formdeute-Test, Holtzman inkblot technique (HIT), (2) verbalen Ergänzungsverfahren (z. B. thematischer Apperzeptionstest (TAT)), (3) Farbtests (z. B. Farbpyramidentest, Farbwahlverfahren) und (4) zeichnerischen Verfahren (z. B. Baumtest nach Koch (BT-K) unterschieden. Eine zus.fassende und generelle Aussage über die psychometrische Güte von proj. V. ist aus mehreren Gründen nicht möglich (Gütekriterien). Einerseits sind die proj. V. als Testform äußerst heterogen. Somit fällt die Testanwort (qual. oder quant.) auch sehr unterschiedlich aus. Das hat dann wiederum zur Folge, dass die zur Verfügung stehenden stat. Verfahren zur Testgütebewertung nicht immer angewendet werden können. Andererseits wurden selbst bei proj. V., die in standardisierter Version vorliegen, im Laufe ihrer langen Tradition Modifikationen eingeführt und werden auch häufig bei der Anwendung noch zusätzlich modifiziert. Daraus folgt weiter, dass die Testwerte, die in die Testgütebewertung einfließen, nicht ohne Weiteres vergleichbar sind. Ein weiteres Problem, das allerdings nicht nur die proj. V. betrifft, wird darin gesehen, dass viele Untersuchungen zur Testgütebewertung gar nicht mit diesem Ziel angelegt wurden, sondern aus unterschiedlichen Anwendungsanlässen stammen. Am Bsp. des Rorschach-Tests lassen sich einige Gütekriterien exemplarisch aufzeigen. Die Objektiviät ist bei der Protokollierung und bei der Signierung von Inhalten vorhanden. Die sog. Determinanten weisen eine hohe Beurteilervarianz auf. Retestkoeffizienten (Retest-Methode) fallen sehr unterschiedlich aus. Auf der Ebene der Einzelmerkmale der Testprotokolle wird die Validität als unbefriedigend eingeschätzt. Werden die Interpretationen, die der Testleiter aus den Protokollen ableitet, zur Gütebestimmung verwendet, so ergeben sich bessere Validitätskoeffizienten.

Referenzen und vertiefende Literatur

Sie sind schon registriert? Zur Anmeldung
Erstellen Sie einen Account um das komplette Literaturverzeichnis einzusehen.