Psychische Störung

 

(= Psych. St.) [engl. mental disorder; gr. ψυχή (psyche) Seele, Hauch]; s. auch Gebietsüberblick «Klinische Psychologie und Psychotherapie», [KLI], Begriff, der sich in den 1980er-Jahren als Kompromiss zw. Klinischer Ps. und Psychiatrie für behandlungsbedüftige psych./seelische Leiden und Beeinträchtigungen etabliert hat. Während in der Med. und Psychiatrie traditionell der Begriff Krankheit bevorzugt wurde, betont die Bez. Psych. St. die Orientierung an einem psychosozialen und insbes. einem bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell. Sowohl die ICD als auch das DSM verwenden den Begriff der Psych. St.. Allg. liegt eine best. Form Psych. St. vor, wenn die Klassifikationskriterien (Klassifikation psychischer Störungen) der ICD oder des DSM erfüllt sind. Die Abb. zeigt die Verteilung der 12-Monats-Prävalenz wichtiger Psych. St.

Gemäß DSM-5 (Falkai & Wittchen, 2015, 26) ist eine Psych. St. als ein Syndrom definierbar, «welches durch klin. bedeutsame Störungen in den Kognitionen, der Emotionsregulation oder des Verhaltens einer Person charakterisiert ist. Diese Störungen sind Ausdruck von dysfunktionalen psychol., biol. oder entwicklungsbezogenen Prozessen, die psych. und seelischen Funktionen zugrunde liegen. Psych. St. sind typischerweise verbunden mit bedeutsamem Leiden oder Behinderung hinsichtlich sozialer oder berufs-/ausbildungsbezogener und anderer wichtiger Aktivitäten. Eine normativ erwartete und kult. anerkannte Reaktion auf übliche Stressoren oder Verlust, wie z. B. der Tod einer geliebten Person, sollte nicht als Psych. St. angesehen werden. Sozial abweichende Verhaltensweisen (z. B. politischer, religiöser und sexueller Art) und Konflikte zw. Individuum und Gesellschaft sind keine Psych. St., es sei denn, der Abweichung oder dem Konflikt liegt eine der oben genannten Dysfunktionen zugrunde.»

In dieser Def. spiegeln sich wesentliche Aspekte der historischen und disziplinär geprägten Beschäftigung mit der theoretischen Fundierung und Terminologie wider. (1) Psych. St. sind als auffällig abweichende Erlebens- und Verhaltensweisen charakterisierbar. Dies impliziert, dass die Def. und Diagnostik einer Psych. St. vor dem Hintergrund sozial-normativer und kult. geprägter Referenzsysteme erfolgt. Insbes. der in den 1970er-Jahren prominente Etikettierungsansatz betonte, dass sich im Umgang mit psych. Krankheiten (damalige Bez.) gesellschaftliche Normen und Machtverhältnisse widerspiegeln, die zu Stigmatisierung nicht normativ akzeptierten Verhaltens führen. Soziale Faktoren und insbes. die Stigmatisierung und gesellschaftliche Ausgrenzung wurden als wesentliche Determinanten der Entstehung psych. Auffälligkeiten sowie deren weiterer Aggravation aufgefasst (vgl. z. B. gesellschaftlicher Wandel und dessen Folgen im Umgang mit Homosexualität oder geschlechtsstereotyper Rollenbilder). Eine Normabweichung alleine ist aber kein hinreichendes Kriterium für das Vorliegen einer Psych. St. (2) Das medizinische Modell psych. St. geht vom med. Krankheitsbegriff aus, nach dem sich pathologische Phänomene durch eine krankhafte, qual. Veränderung der psych. Prozesse ergeben. Psych. St. werden als körperlich, biol. oder somatisch bedingt angesehen. Externe Faktoren (z. B. kritische Lebensereignisse) sind eher als auslösende Bedingungen aufzufassen. Wie bei somatischen Erkrankungen ist demnach auch für Psych. St. ein interindiv. stabiler, typischer Verlauf charakteristisch. (3) I. S. psychosozialen Modellvorstellung werden Psych. St. als Extremausprägung normalen (Bezugsnorm) menschlichen Erlebens und Verhaltens angesehen (Kontinuitätsannahme). Psych. Gesundheit und Krankheit werden nicht als grundlegend qual. versch. strukturiert, bedingt und veränderbar angenommen (Äquivalenzannahme). Der soziale Kontext beeinflusst die Entstehung und den Verlauf Psych. St. (Kontextannahme) und Psych. St. sind i. d. R. multifaktoriell bedingt (Multikausalitätsannahme; z. B. Vulnerabilitäts-Stress-Modell). (4) Die bio-psycho-soziale Modellvorstellung stellt eine Integration der med. und einer psychosozialen Perspektive dar: Psych. St. sind durch eine komplexe Beziehung biol., psych. und sozialer Aspekte gekennzeichnet, die nicht isoliert betrachtet werden können. Bei Fragen der Ätiologie, Symptomatik und Behandlung müssen diese Aspekte möglichst integrativ berücksichtigt werden. (5) Psych. St. sind kontextunabhängig durch Symptome und Syndrome des Individuums gekennzeichnet, die i. S. von Funktionsstörungen zu Beeinträchtigungen des Individuums in Bezug auf funktionale Normen führen (z. B. Phobische Störungen, die das Arbeits-, Familien- oder Sozialleben kritisch beeinträchtigen), (bei Krankheitseinsicht) subj. Leidensdruck erzeugen, das Risiko für unerwünschte und belastende Folgen (z. B. Trennung, Berufsaufgabe, soziale Isolation, Tod) erhöhen und von beobachtbaren körperlich-biol., psych. und behavioralen Funktionsbeeinträchtigungen begleitet werden.

Die Def., die Modellierung und das Verständnis Psych. St. ist darüber hinausgehend durch psychol. Schulen geprägt (Bastine, 1998), z. B.: (1) Psychoanalyse: Psych. St. werden als die Konsequenzen lebensthematischer, unbewusster Konflikte angesehen, die durch unverarbeitete Entwicklungsaufgaben insbes. in der frühen Kindheit bedingt sind. Gelingt es dem Ich nicht, die Konflikte, die aus den widerstrebenden Triebbedürfnissen des Es und den sozialisierten Ansprüchen des Über-Ich resultieren, bewusst zu bearbeiten, so resultieren durch die Verdrängung der Konflikte ins Unbewusste (Abwehrmechanismen des Ich) potenziell pathogen bedeutsame Prozesse. (2) Humanistische Therapien, Gesprächspsychotherapie: Psych. St. entstehen, wenn indiv. Persönlichkeitsanteile, die von wichtigen Bezugspersonen (z. B. Eltern) nicht wertgeschätzt werden, abgespalten bzw. als inkongruent erlebt werden. Psych. St. resultieren aus innerer Spannung, ambivalenten Motivationen und einem unklaren Selbstbild (s. auch Konsistenztheorie des psychischen Geschehens). (3) Behaviorismus, Verhaltenstherapie: Die Verhaltenskomponente psych. St. steht hier im Mittelpunkt. Verhaltensstörungen resultieren aus pathogenen Lernprozessen bzgl. gelernter Auslösefaktoren (Konditionierung, klassische) und Verhaltenskonsequenzen (Konditionierung, operante, SORKC-Modell). (4) Kognitive Modelle (Kognitive Verhaltenstherapie, Kognitive Therapie nach Beck, Schematherapie): Das behavioristische Reiz-Reaktions-Modell wird um kogn. (Kognition), nicht beobachtbare Informationsverarbeitungsaspekte erweitert: insbes. Erwartungen, AttributionenSelbstregulationsmechanismen sind neben auslösenden Reizkonstellationen und erfahrenen Verhaltenskonsequenzen wesentliche Determinanten psych. Auffälligkeit (kognitive Um-/Restrukturierung). (5) Interpersonale Modelle (Systemische Therapie, Familientherapie): Psych. St. werden als Symptome pathologischer zw.menschlicher Beziehungen und Systemstrukturen angesehen. Sie indizieren ein Verhalten, dem z. B. eine stabilisierende Funktion im Gesamtsystem zukommt (z. B. Koabhängigkeit von Familienangehörigen im Falle von Alkoholismus).

Psychobiol. und neuropsychol. Ansätze fokussieren insbes. neuronale, endokrinolog. und neuroimmunolog. Prozesse, die mit psych. Störungsbildern einhergehen. Diese können als Ursache, Manifestation oder Konsequenz psych. Erlebens-, Verarbeitungs- und Verhaltensaspekte Gegenstand dieser Betrachtungsperspektive sein. Biol. Grundlagen konnten insbes. durch neuropsychol. und psychobiol. Grundlagenforschung und die Wirkung psychotroper Substanzen (Psychopharmaka) identifiziert werden. Als zentrale störungsrelevante Korrelate psych. Zustände und Prozesse gelten bspw. (Köhler, 2019): Euphorisierung (Lust, Verstärkung): Aktivierung mesotelencephaler dopaminerger Bahnen (Dopamin) spez. zum Nucleus accumbens; Psych. Aktivierung: Vermehrte Aktivität des noradrenergen Systems (Noradrenalin); Sedierung und Anxiolyse: Aktivierung des GABAergen Systems, Besetzung von Benzodiazepin-Rezeptoren; Angst: Reduzierte Aktivität des GABAergen Systems (ggf. durch Mangel an Benzodiazepinrezeptoren), vermutlich erhöhte Aktivität des noradrenergen und serotonergen (Serotonin) Systems; Aggressivität und mangelnde Impulskontrolle: Dysfunktion (vermutlich Unterfunktion) des serotonergen Systems.

Psychobiol. und neuropsychol. Ansätze stehen dabei keineswegs im Widerspruch zu originär psychol. Zugangsweisen, sondern sind i. R. des bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells als komplementäre Betrachtungs- und Modellierungsansätze zu begreifen. Die Identifikation (neuro-)biol. Äquivalente zu psych. Prozessen und St. liefert die Basis für fundierte Behandlungskonzepte, die eine reflektierte Entscheidung für die Auswahl von oder die Kombination und Integration pharmakotherap. und psychotherap. Interventionen ermöglicht.

Verwendete Literatur

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