Psychoanalyse

 

(= P.) [engl. psychoanalysis; gr. ψυχή (psyche) Seele, Hauch, ἀνάλυσις (analysis) Auflösung], Bedeutung «Seelenzergliederung», [KLI], ist ein ursprünglich von Josef Breuer (1842–1925) und Sigmund Freud (1856–1939) Ende des 19. Jhd. in Wien entwickeltes Verfahren zur Heilung nicht körperlich bedingter Erkrankungen (Katharsis). Später wurde sie von Freud zu einer tiefenpsychol. Lehre ausgebildet. Die von Freud selbst gegebene Def. lautet: «P. ist der Name (1) eines Verfahrens zur Untersuchung seelischer Vorgänge, welche sonst kaum zugänglich sind; (2) einer Behandlungsmethode neurotischer Störungen, die sich auf diese Untersuchung gründet; (3) einer Reihe von psychol., auf solchen Wegen gewonnenen Einsichten, die allmählich zu einer neuen wiss. Disziplin zus.wachsen.»

Nach der P. wird die Psyche von unbewussten Abläufen beherrscht. Das Unbewusste ist ein eigenes seelisches Reich mit eigenen (vor allem sexuellen) Wünschen, Ausdrucksformen und besonderen «Mechanismen». Schon das Kind besitzt ein reichhaltiges Sexualstreben, das zunächst an best. Körperteile (erogene Zonen, orale Phase, analsadistische Phase) und später an das Geschlechtsteil («phallisches» Stadium) geknüpft ist. Mit etwa 5 Jahren tritt eine Latenzperiode in der Entwicklung des Geschlechtstriebs auf, bis mit der Pubertät das «genitale» Stadium erreicht wird. Bei Störungen der Sexualentwicklung kommen Fixierungen auf einem best. Stadium vor, ebenso Regressionen (Rückfall auf eine frühere Stufe) bei seelischen Konflikten. Das Sexualstreben setzt sich über alle Schranken der Konventionen hinweg. Zuerst ist es auf den eigenen Körper gerichtet (autoerotisch), später wendet es sich auf die Personen der Umwelt, namentlich auf den andersgeschlechtlichen Elternteil (Ödipuskomplex). Die Auseinandersetzung mit dem Ödipuskomplex ist für die Charakterentwicklung von entscheidender Bedeutung. Die Forderungen des Geschlechtstriebes stoßen auf Widerstand (Abwehrmechanismen des Ich), es kommt zu Konflikten (Konflikt, unbewusster), die nicht durch bewusste Entscheidung gelöst werden, und die affektgeladenen, unlustbetonten Vorstellungen werden aus dem Bewusstsein verbannt, ins Unbewusste abgedrängt, aktiv vergessen (verdrängte Komplexe). Diese sind dadurch aber nicht ausgelöscht, sondern es kommt zu einer Aufstauung der Libido, der sexuellen Energie. Die verdrängten Inhalte zeigen sich in sog. Fehlhandlungen, wie Vergessen, Versprechen, Verschreiben und vor allem im Traum. Auch im Traum ist ein Zensor wirksam, wodurch die latenten Traumgedanken in den manifesten Trauminhalt umgeformt werden (Traumarbeit). Der Traum war Freuds «Königsweg» zum Unbewussten. Aus den Traumsymbolen muss die eigentliche Bedeutung erschlossen werden. So erscheinen im Traum längliche und spitze Gegenstände als Symbole für das Männliche und Hohlräume, Schachteln, Zimmer und dergleichen als Symbole für das weibliche Genitale (Traumdeutung). Die Verdrängungen, die regelmäßig bis ins das Kindesalter zurückführen, sind die Grundlagen der Neurosen. Von bes. Bedeutung sind bei den Neurosen der Ödipuskomplex und der Kastrationskomplex (Angst vor Strafe für unerlaubte sexuelle Wünsche und Handlungen).

Heute ist P. ein psychotherap. Verfahren, das eine Reihe von einzelnen therap. Methoden einschließt; durch eine Reihe von Vereinbarungen (Behandlungsregeln) wird zw. Pat. und Arzt eine therap. wirksame Situation geschaffen, in der die den Pat. belastenden körperlichen Symptome und Beziehungsstörungen auf der Grundlage der lebensgeschichtlichen Entwicklung in einer neuen, anderen Weise betrachtet werden können. Theoretische Gesichtspunkte, ausgehend von den Erfahrungen mit hysterischen Patientinnen verallgemeinerte Freud zur Grundformel, dass Symptome symbolische Kompromisslösungen für konflikthafte, unverarbeitete und aus inneren Gründen unverarbeitete Erfahrungen des persönlichen Lebensvollzuges sind, die in dieser Form zugleich festgehalten und vor dem Bewusstsein verhüllt werden. In der psychoanalytischen Situation werden die in den Symptomen gebundenen Konflikte wieder in zw.menschliche Interaktionen zurückverwandelt, was in der P. mit dem Begriff Übertragung bez. wird. In der Übertragungsbeziehung zum Analytiker erlebt der Pat. Wünsche und Abneigungen, die er mit einer bewussten erwachsenen Person schlecht zu verbinden vermag. Die Natur dieser Wünsche hat einen umstrittenen Status: Ob es sich um Triebe handelt in dem Sinn des Wortes, wie es in der Biologie lange Zeit sinnvoll war, ist für den Aggressionstrieb wenig wahrscheinlich. Selbst für die Sexualität wirft ein solches Verständnis größere theoretische Probleme auf. In den Phasen der menschlichen Entwicklung wurden versch. Bedürfnisse und Wünsche an wichtige Interaktionspartner (Eltern) gerichtet, die mit Bedingungs- und Enttäuschungserlebnissen verknüpft sind. Spätere auslösende Konfliktsituationen führen zu einem Rückgriff auf frühere, unreife Konfliktverarbeitungsmuster, was mit dem Begriff der Regression beschrieben wird.

Versteht man die Übertragung als Wiederbelebung verdrängter, ungelöster konflikthafter Beziehungsmuster, in denen Wünsche und Abwehrfunktionen gleichermaßen enthalten sind, dann wird die Gegenübertragung als gefühlsmäßige Reaktion des Analytikers auf das unbewusst determinierte Beziehungsangebot des Pat. verstehbar. Die subtile Diagnostik der zw.menschlichen Beziehungskonflikte, an denen der Pat. leidet, ist nicht ohne Verwendung der eigenen gefühlshaften Reaktionen auf den Pat. möglich. Diese sind sowohl durch die persönliche Erfahrung wie auch durch die wiss. Schulung des Analytikers geprägt. Übertragung und Gegenübertragung können als einander ergänzende Rollen verstanden werden, mit denen Pat. und Analytiker einander begegnen. Eine wichtige Voraussetzung für die therap. Arbeit ist jedoch, dass sie gemeinsam reflektierend sich als unfreiwillige Träger dieser Rollen erleben können. Deshalb muss die Fähigkeit, sich aus den intensiven Verwicklungen dieser affektiven Begegnung lösen zu können, durch die vorgängige Entwicklung und Pflege einer hilfreichen Beziehung (nach Luborsky) aufgewogen werden. Es ist hilfreich den Analogcharakter der psychoanalytischen Erfahrung zu unterstreichen; erst durch einen Transfer in den Alltag lässt sich die Wirksamkeit einer Therapie bewerten.

Die Schaffung neuer emot. intensiver Beziehungserfahrungen kann, muss aber nicht zu einer vertieften reflektierenden Einsicht führen. In Übereinstimmung mit neurowiss. Befunden ist davon auszugehen, dass die Bewusstwerdung verdrängter, konflikthafter Erfahrung diesen nachgeordnet ist. Diese Sichtweise ist noch relativ neu, aber aufgrund empirischer Untersuchungen gut bestätigt. Der therapeutische Prozess wird vom Analytiker durch versch. konversationelle Mittel (Klarifikation, Konfrontation, Deutung) gefördert, unter denen die neutrale, jedoch engagiert-hilfreiche Einstellung und die Durcharbeitung der jew. bestehenden Beziehungs- und Konfliktmuster auf dem Hintergrund der Lebensgeschichte die wichtigsten sind. Jeder Pat. entwickelt jedoch Widerstände gegen die schmerzlichen Gefühle, die mit der Wiederbelebung oft traumatischer, vergangener, scheinbar bewältigter Konflikte verbunden sind. Deshalb gehört die Arbeit am Widerstand unter Vermeidung unnötig kränkender Erfahrungen zu den wichtigsten Aufgaben einer Therapie. Widerstand ist jedoch kein neg. Begriff, sondern beinhaltet die Summe der vom Pat. bisher geleisteten Bewältigungsarbeit und Überwindung bisheriger belastender Erfahrungen.

In einer späteren, spekulativen Weiterbildung seiner Lehre kam Freud dazu, neben Sexualtrieben und Ich-Trieben, die auf die Erhaltung des Lebens gerichtet sind, zerstörende, verwüstende Todestriebe anzunehmen, deren Ziel die Vernichtung des Lebens ist. In der Struktur des Seelenlebens unterscheidet Freud in späteren Schriften das Es (in Anlehung an Groddeck), die Sphäre des Unbewussten, der primitiven Wünsche und Triebe, das Ich als Träger des bewussten Erlebens und das Über-Ich, den Träger des Ich-Ideals und des Gewissens, als die Instanz, von der die Verdrängung ausgeht. Die von Freud selbst in Gang gesetzte Weiterentwicklung der P. wurde in den nachfolgenden Generationen von vielen Psychoanalytikern fortgesetzt. Hervorzuheben ist insbes. die Einführung der psychoanalytischen Ich-Psychologie durch Hartmann, Kris und Loewenstein sowie die Begriffserweiterung und -wandlung des Narzissmus durch Kohut und andere und die Einbeziehung der sozialpsychol. und ökologischen Dimension (Erikson, Fromm, Mitscherlich u. a.). Letztere führte auf der meth. Seite zur Entwicklung der Gruppentherapie. Auch neue tiefenpsychol. Richtungen haben sich von der Schule Freuds abgezweigt. Die bedeutendsten von ihnen sind die Individualpsychologie Adlers und die Analytische Psychologie C. G. Jungs und die neufreudianischen bzw. neopsychol. Schulen K. Horneys, S. Sullivans und H. Schultz-Henckes.

Indiziert sind psychoanalytisch orientierte Therapieformen für fast alle Formen der neurotisch-psychosomatischen Störungen wie z. B. Angststörungen, depressive Störungen (Depression), Somatoforme Störungen, Essstörungen, Borderline-Störungen. Für die Differenzialindikation zw. ambulanter, teil-stationärer und stationärer Therapie sind i. d. R. in der psychosozialen Situation des Pat. liegende Gründe verantwortlich. Initial gering motivierte Pat. finden im stationären Setting einen besseren Zugang.

Referenzen und vertiefende Literatur

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